Christliche und unchristliche Betrachtungen zu Pflege und Medizin

28. Interessante Zeiten!

Bei ZEIT Campus konnten Sie in der letzten Woche lesen, was Alexander Jorde jetzt macht. Wer das ist? Das ist der Pflegeschüler, der im letzten September die Bundeskanzlerin in Verlegenheit brachte, weil er sie fragte, wie es sein könne „ … dass Menschen in einem Land wie Deutschland stundenlang in ihren Ausscheidungen liegen müssen?“ Jetzt reist er mit dem Thema Pflegenotstand von Talkshow zu Talkshow, denn jetzt sind interessante Zeiten. Jetzt ist nämlich Jens Spahn Gesundheitsminister und hat vorgeschlagen, in einem Sofortprogramm 8.000 neue Pflegestellen zu schaffen. 8.000? Ihn scheint es nicht anzufechten, dass die tatsächlichen Zahlen sehr variieren, aber keinen Bezug zur Zahl 8.000 haben: der Arbeitgeberverband Pflege spricht von 30.000 unbesetzten Stellen, ver-di geht von 70.000 fehlenden Stellen aus und der Deutsche Pflegerat von 100.000, allein in den Krankenhäusern.

Was will der neue Gesundheitsminister mit 8.000 Stellen erreichen? Für die Diskussion ist auch vielleicht auch noch wesentlich, wie hoch dotiert diese Pflegestellen sein sollen. Eine Pflegekraft mit vielen Jahren Berufserfahrung bekommt zurzeit ca. 3.300 Euro. Alexander Jorde meint, das sei angesichts der Bezahlung eines Facharbeiters bei VW ein Witz und müsste mindestens bei 4.000 Euro liegen. Er argumentiert, dass Pflegekräfte nach den Regeln des freien Marktes wie Ingenieure oder Programmierer bezahlt werden müssten. Nicht zuletzt weil Pflegekräfte viel mehr Verantwortung tragen. Für Menschenleben!

Mir ist diese Argumentation sehr nahe, weil ich mich zu Beginn dieses Blogs mit der Frage beschäftigt habe, wie viel so ein einzigartiger Mensch wert ist (siehe Kapitel 4-5 „Der Wert eines Menschen“). Die Diskussion nimmt diesen Gedankengang für die deutsche Krankenhausrealität auf. Und wir dürfen zweifelsohne alle gespannt sein, was der Gesundheitsminister, der aus einer christlichen Partei kommt, im Bereich der Pflege bewegen wird.

Auch wenn Sie schon längst aus der Kirche ausgetreten sein sollten: das Christliche an dieser Partei ist in diesem Zusammenhang nicht ganz irrelevant, weil Nächstenliebe und die Fürsorge für Arme, Kranke und Schwache nicht etwa dem heute wieder sehr favorisierten neo-liberalen Gedankengut angehören, sondern christliche, quasi ur-christliche Gedanken sind. Neoliberal erscheint in diesem Zusammenhang allenfalls, dass die Einführung der Pflegeversicherung vor 23 Jahren durch den netten Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm mit einer Stärkung der Privatinvestoren einherging. Diese von derselben christlichen Partei gewollte Strukturänderung war die Voraussetzung, um an alten, pflegebedürftigen Menschen Geld verdienen zu können. Und zwar satt. Das kann man daran erkennen, dass der Pflegemarkt in dieser Gruppe, der immer mehr international agierenden Investoren, weiterhin äußerst beliebt ist, völlig ungeachtet der Pflegeskandale. Denn er bietet eine sichere Rendite, von den Pflegekassen garantiert und einen operative Gewinn/Bewohner/Tag, der mit 4,50 € genau so hoch ist, wie die Verpflegungskosten.1

Was die Pflege in den Krankenhäusern und Pflegeheimen angeht, ist jetzt also eine spannende Situation entstanden, denn der neue Gesundheitsminister hat es in der Hand, die himmelschreienden Missstände im Pflegebereich zu verändern. Mit den angekündigten 8.000 Stellen zusätzlich wird er das nicht erreichen können. Da seine Akzeptanz bei den Wählern nicht zuletzt an dieser Aufgabe gemessen werden wird, sollte er sich etwas Besseres einfallen lassen. Apropos Wähler: 2050 wird jeder siebte Mensch über 80 Jahre alt sein. Diese Menschen können jetzt 30 Jahre lang zur Wahl gehen. Sie auch.

Nicht nur in diesem Zusammenhang ist der Bezug auf christliches Gedankengut hoch aktuell. Sie haben ja wahrscheinlich mitbekommen, dass das große Bundesland Bayern seine Verwurzelung im christlichen Denken wieder stärker sichtbar machen will, als es die Äußerungen führender Landespolitiker, zum Beispiel zu den Migranten, in der jüngsten Vergangenheit vermuten ließen.

Nun gibt es sicher viele, die das Aufhängen von Kreuzen in allen öffentlichen Gebäuden als Symbol „christlich-abendländischer Prägung für eine ausnehmend geschmacklose und plumpe Wahlkampfstrategie des neuen Ministerpräsidenten halten. Dieser Einschätzung kann auch ich einiges abgewinnen. Andererseits darf man vielleicht ruhig gespannt sein, wie es mit der Annäherung der bayerischen Staatsregierung an das christlich-abendländische Denken weiter gehen wird. Denn der, dem sich der Söder Markus da annähert, hat ja nicht nur ganz andere und viel härtere Zeiten überdauert, als die heutigen, in denen die CSU Wahlkampf macht, sondern diese uralte Botschaft hat viele erfreuliche Implikationen, besonders für geflohene, arme und kranke Menschen, mit denen es der Söder und sein Vorgänger bisher ja nicht so hatten. Da gäbe es schon noch eine ganze Menge Nachholbedarf für die CSU.

Und gerade Bayern hat es ja schon nötig, seine christlich-abendländischen Hausaufgaben nachzuarbeiten, auch und gerade im Bereich der Krankenhilfe: die Landeshaupt München – bekanntlich Sitz einer glanzvollen Oper, vieler exzellenter Theater, zweier hervorragender Universitäten, etlicher Max-Planck-Institute, toller Museen, um nur ein paar Highlights zu nennen, – hat zwar so einen hohen medizinischen Standard, dass Menschen aus aller Welt zu den Koryphäen reisen, um sich optimal behandeln zu lassen. Doch dieses herrliche München ist immer häufiger nicht mehr in der Lage, die Kinder seiner Bürger medizinisch zu versorgen, wenn sie das Pech haben sollten, schwerkrank und akut intensivstationspflichtig zu werden! 2 Diese Kinder müssen nach Augsburg, Landshut oder Traunstein gebracht werden. Auch schöne Städte, zweifellos, aber warum hat München das nötig? Stationen und hochmoderne Geräte gäbe es ja, aber das Personal fehlt. Die Gründe sind wie immer, wenn es um Medizin und das Geld geht, äußerst komplex: Personalkosten in der Kindermedizin liegen um 30% über denen der Erwachsenenmedizin, weil Kinder, – wer hätte das gedacht? Na, jeder, der Kinder hat! – personalintensiver sind als Erwachsene. Deshalb betreiben private Träger so gut wie keine Kinderkliniken und öffentliche wollen das Personal nicht finanzieren.

Hat der, zu dem der Söder gerade seine Zuneigung entdeckt, nicht mal gesagt: „Lasset die Kinder zu mir kommen …“? Hochleistungsmedizin, mit dem ausschließlichen Zweck des Geldverdienens gab es ja damals noch nicht, aber man kann sich schon vorstellen, wie die Stellungnahme von Jesus ausgefallen wäre. Um sich das auszumalen, muss man eigentlich noch nicht einmal christlich-abendländisch geprägt sein.

Na ja, und im Fall der Weltstadt mit Herz kommt noch ein Problem dazu, an dem sich die Medien längst abgearbeitet haben: Normale Menschen, normale Ärzte, normale Schwestern und normale Pfleger können in München nicht mehr wohnen, ganz einfach, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen können. Darum will sich der Bayerische Ministerpräsident auch noch kümmern. Schaugnmeramoi.

Der Direktor der Kinderchirurgie in der renommierten Haunerschen Universitätskinderklinik, Prof. Dietrich von Schweinitz, übernahm vor 15 Jahren eine Klinik mit 62 Betten, die heute auf 32 runtergespart wurden, von denen zurzeit wegen Personalmangels noch 16 belegbar sind. Von ihm stammt folgendes Zitat: „Es kann doch nicht sein, dass in der reichsten Großstadt Deutschlands akut kranke Kinder nicht mehr versorgt werden können. Die Frage ist: was wollen wir uns als Gesellschaft für unsere Kinder leisten.“3

Ja, was? Für unsere kranken Kinder, für unsere kranken Erwachsenen, für unsere kranken und pflegebedürftigen Alten? In diesem unserem christlichen Abendland.

Interessante Zeiten!

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Fußnoten:

Das Schweigen der Ärzte

In der aktuellen Diskussion über Pflege-Notstand, Pflege-Missstand, Pflege-Katastrophe, schweigen die Ärzte. Wäre es nicht an der Zeit für eine Art #MeToo für die Pflegenden?

27. Das Schweigen der Ärzte

Sie schweigen. Okay, Mediziner müssen nicht überall mitreden. Pflege ist nicht ihre Baustelle.

Nicht? Wie jetzt? Was ist denn die Baustelle von Ärztinnen und Ärzten? Waren das nicht mal die kranken und alten Menschen, kurz Patienten genannt? Ist es nicht deren Würde, die gerade übel demoliert wird? Ihre Würde und die der Pflegenden? Was ist aus der Empathie geworden, die irgendwann mal ein Merkmal der Ärzte war? Warum drehen wir Ärzte uns weg und und zucken mit den Schultern, wenn wieder ein Katastrophenbericht über Pflege erscheint? Wir sehen doch die himmelschreienden Zustände, die Überforderung der Pflegenden, in den Krankenhäusern sowieso, aber auch in den Pflegeheimen, dort riechen wir sie vielleicht eher. Warum schließen wir die Augen, warum halten wir uns die Nasen zu?

Leiden wir Ärzte nicht selbst unter der sogenannten Ökonomisierung der Medizin? Wächst nicht der der Zeitdruck unerträglich, wenn auch die ärztliche Besetzung schlechter als grenzwertig ist? Was ist mit der Gefahr, Fehler zu machen? Ist die Stimmung denn nicht katastrophal genug? Ist Schweigen der neue Weg?

Warum solidarisieren sich Ärzte nicht mit dem Pflegepersonal? Mit dem Berufsstand, der ihnen am nächsten ist? Oder sind das inzwischen die Banker? Nein, ich will nicht fies sein, nicht schon wieder übers Geld reden, das ist sowieso nicht mehr das, was es mal war, Ärzte kriegen ihre Praxis nicht mehr verkauft und verschenken sie 1. Freie Unternehmer war einmal, angestellt sein ist die Devise, „Halbgötter in Weiß“ ist vorbei.

Solidarisieren ist ein großes Wort, – warum schweigen die Ärzte?

Ein Argument wäre, dass sie Nutznießer sind: das heißt, dass die Arztstellen auf Kosten der Pflegestellen vermehrt worden seien. Klar, ärztliche Leistungen lassen sich besser abrechnen. Für den einzelnen Arzt bringt das aber keine Vorteile, denn die Stellenausweitung führt nur dazu, dass noch mehr gemacht, noch mehr operiert wird, noch mehr Katheter geschoben werden.

Ärzte wissen doch ganz genau, was in der Pflege passiert, alle mussten ein Pflegepraktikum machen. Es gibt Freundschaften und Ehen zwischen Ärzten und Krankenschwestern, offene und nicht so offene Beziehungen unterschiedlicher Intensität sind keine Seltenheit. Warum also nicht?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich hätte da eine Idee! Nicht neu, aber wirksam. Machen Sie Druck. Das befreit ungemein. Ich weiß: moralisch-ethisch ist es nicht so einfach, im Gesundheitswesen zu streiken, keine Frage. Das Wohlergehen, manchmal das Leben von Patienten könnte gefährdet sein. Das ist ja auch das Dilemma der Pflegenden. Aber ist ein Rückzug auf moralisch-ethische Argumente angesichts dieser Realität nicht etwas feige? Würde eine ehrliche moralisch-ethische Haltung nicht doch etwas ganz klein wenig anderes verlangen?

Zum Beispiel: In grauer Vorzeit, kurz nach 68, haben die Ärzte mal in Berlin gestreikt, ich habe als Famulus staunend zugesehen. Der Streik bestand eigentlich nur darin, auf allen Totenscheinen „Todesursache ungeklärt“ anzukreuzen. Sehr wirksam war das, den Lebenden geschah kein Schaden und den Toten war es wohl egal. Werte Kolleginnen und Kollegen, wo ist Eure Fantasie geblieben? Das Einserabitur hat doch etwas mit Intelligenz zu tun. Und mit Kreativität!

Operateure, die nur noch das Lebensnotwendige operieren, Psychiater, die nur noch mit den Suizidalen sprechen, und alle anderen entlassen – das würde seine Wirkung nicht verfehlen, denn das ginge ans Geld, schnell und gewaltig. Junge Ärzte, die aus Zeitgründen leider nicht mehr in der Lage sind, die Dokumentation zu machen, die sie ohnehin hassen, – warum nicht? Da Sie viel jünger sind als ich, fiele Ihnen vielleicht noch was Interessanteres ein, vielleicht etwas digitalisiertes, voll im Trend? Zu verlieren hätten Sie nichts, vorausgesetzt, Sie bleiben solidarisch.

Hallo, Ihr Mediziner, höret die Signale! Es geht um die Pflege, es geht um die Medizin. Eure Chance, wieder eine bessere, menschenwürdigere und nicht nur geldwürdige Medizin, endlich wieder eine gute Medizin zu machen, die Chance, den Pflegenden und den Gepflegten ihre Würde zurückzugeben – diese Chance ist da. Jetzt. Und fürs Sozialprestige wäre es auch nicht schlecht.

Solidarisiert Euch mit den Pflegenden! Legt diesen maroden, von den Ökonomen der Krankenhäuser, der Krankenkassen, von den Politikern verunstalteten Medizinbetrieb lahm, bis sich etwas ändert, bis ihr den alten und jungen Patienten wieder in die Augen schauen könnt! Dass es infolge der Kommerzialisierung der forschenden Pharmaindustrie keine Durchbrüche bei der Demenztherapie gibt, ist eine Sache, aber gute Pflege der Dementen wäre so leicht zu haben!

Fordert! Was? Fordert eine Verdoppelung der Pflegestellen, überall!

Oh Schreck, so viele? Was das kostet! Klar: Die 8000 Stellen, die diese ach so große Koalition in Aussicht gestellt hat, sind angesichts von über 13.000 Pflegeeinrichtungen noch nicht mal ein schlechter Scherz, darüber besteht Einigkeit bei allen Betroffenen. 16.000, besser noch 26.000! Der Bundesrepublik geht es wirtschaftlich so gut wie nie. Da wäre es doch mal an der Zeit, nicht nur was für VW, Mercedes und Audi zu tun, für Helios, Asklepios oder Ameos, sondern für die Alten und Kranken. Eine Investition in die Zukunft.

Lasst euch nicht beschämen. Erinnert euch, dass ihr Medizin nicht – nur – studiert habt, um euer finanzielles Auskommen zu haben. Um das und um eure Stellen müsst ihr euch nicht fürchten. Die sind krisensicher. Aber: Wolltet Ihr den Menschen das Leben nicht mal besser machen, wolltet heilen?

Lasst euch das Bewusstsein, eigentlich doch gute Medizin machen zu können, nicht von den Verwaltungen vermiesen! Denen ist in den letzten Jahrzehnten überhaupt nichts Zukunftsweisendes eingefallen, nur neue Dokumentationen, neue sogenannte Qualitätskontrollen, die nur die Qualität der Ökonomisierung verbessern, aber den Patienten gar nichts nützen, und euch zu Tode nerven.

Solidarisiert euch! Es ist Zeit.

#Metoo für die Pflegenden!

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Fußnote:

  • 1 „Nach fünf Jahren Suche bin ich einfach müde“ Hausarzt Richard Beitzen im Interview mit Michaela Schwinn, SZ Nr. 79, Freitag, 6. April 2018, S. 6

Geld und Misshandlung

Geld, mit dem wir unachtsam umgehen, führt dazu, dass Menschen in unserem Namen misshandelt werden.

26. Geld und Misshandlung!

„Ich muss immer wieder Patienten in ihrem Stuhlgang liegen lassen. Medikamente werden vertauscht oder vergessen. Patienten bekommen Druckgeschwüre, weil sie falsch gelagert werden.“ (Pflegekraft im Poolteam in einem Krankenhaus eines Konzerns)1.

Das stand in der ZEIT, am 16. November 2017, in einem Artikel über Zeitmangel und Personalnot. Eine Gegendarstellung habe ich bis heute nicht gefunden.

Foto: Manfred Koschabek

Stellen Sie sich vor, versuchen Sie es zumindest: Sie haben im Bett Stuhlgang, weil Sie nicht mehr allein aufstehen können und weil auf Ihr Klingeln niemand kommt. Allein die Tatsache, dass Sie ins Bett machen, katapultiert Sie mit einem Schlag 75 Jahre zurück, in den Kleinkindzustand. Jeder hat daran seine eigenen Erinnerungen, aber es war wohl in jedem Fall ein wesentlicher Schritt der Menschwerdung, nicht mehr im eigenen Stuhlgang zu liegen. Jetzt ist es wieder so weit. Sie schämen sich, Sie fühlen sich hilflos, ausgeliefert. Wann haben Sie sich zum letzten Mal geschämt? Ist etwas aus der Mode gekommen in unserer Gesellschaft. Ich komme noch darauf zurück.

Es ist furchtbar für Sie, dass Ihnen jetzt, – was heißt jetzt? Irgendwann! – ein fremder Mensch den Hintern abputzen wird. Man muss wohl anehmen, dass die Mann/Frau-Frage angesichts dieser Zustände vernachlässigt wird, und u.a. deshalb ist es für Sie als Mann schlichtweg furchtbar, dass Ihnen eine junge Frau den Hintern abputzen muss, es stinkt ja, es ist kein attraktiver Anblick, und dabei waren Sie auf Ihren Hintern mal ganz schön stolz! Und Sie als Frau fühlen sich weit jenseits Ihrer Schamgrenze verletzt, dass dieser Mann Sie jetzt dort anfasst. Sie können nicht mehr darüber entscheiden, dass ein Mann Sie anfasst! Sie haben im Pflegeheim vielleicht nicht mehr mitbekommen, dass es heute überhaupt nicht mehr für trivial gehalten wird, wann, wo und wie ein Mann eine Frau anfasst. Es ist strafbar, wenn ein Mann in der U-Bahn an den Hintern fasst. Sie hat jedoch niemand gefragt.

Lassen wir Sie mal im Stuhlgang liegen – seit dem November hat sich an den Zuständen auf Pflegestationen wahrscheinlich nichts wesentliches geändert – und wenden uns den anderen Ungeheuerlichkeiten dieses Drei-Zeilers zu – in der ZEIT-ausgabe füllten diese Aussagen eine ganze Seite: „Medikamente werden vertauscht oder vergessen“?2

Ich bringe als Psychiater viel Zeit damit zu, mit meinen Patienten über Nebenwirkungen zu sprechen. Nicht über vertauschte Medikamente. „Wie im Nebel …“, „Muskelkrämpfe“…, „kriege die Augen nicht mehr auf…“, „Übelkeit …“ und so weiter. Wenn Sie ein Medikament gar nicht brauchen, aber versehentlich bekommen, können Sie Gift drauf nehmen, dass die Nebenwirkungen es in sich haben, allein schon, weil die erwünschte – was ist in dieser Situation eigentlich noch erwünscht? – Wirkung natürlich ausbleibt. Auch das „vergessen“ eines Medikamentes, das Sie über Wochen genommen hatten, und das jetzt abrupt auf Null gefahren wird, ist der Hammer, weil Sie unter den Absetzeffekten leiden werden. Na ja, Sie haben es ja immer schon gesagt, dass Psychotherapie besser ist. Aha? Für Störungen, des Herzens, der Leber, der Niere? Träumen Sie weiter.

Noch was aus dem Gruselkabinett der alltäglichen Pflege, in Hamburg und anderswo: „… Patienten bekommen Druckgeschwüre, weil sie falsch gelagert werden…“3 Druckgeschwüre? Man nennt das auch Dekubitus, was Ihnen vermutlich auch nichts sagt. Dekubitus funktioniert so: Wenn Ihre Muskulatur kaum noch vorhanden, die Innervation und die Durchblutung Ihrer Haut reduziert ist, entstehen erst kleine, dann größer werdende oberflächliche Wunden auf der Haut, wenn zu lange Druck auf dieser Stelle ist. Diesen Druck kann man verhindern, wenn man auf die Lagerung achtet, umbettet, die Haut mit Alkohol massiert, und so weiter. Dazu braucht man ein gewisses Minimum an Zeit. Wenn die Pflegekräfte dieses Zeit nicht haben, weil auf einer geriatrischen Station nur eine fest angestellte Pflegekraft arbeitet, und ein bis zwei Hilfskräfte4, dann entstehen Druckgeschwüre, die sich schnell entzünden und stinken.

Interessant ist der Ausdruck „falsch gelagert“, weil er Ihnen einen Einblick in die Mechanismen der Schuldzuweisung gibt: das Pflegepersonal wüsste natürlich schon, was richtige Lagerung wäre, – für die Vermeidung eines Dekubitus braucht man keine nobelpreisverdächtige Forschung! – aber, Schwestern und Pfleger kommen nicht dazu. Sie können davon ausgehen, dass sie seelische Probleme damit bekommen, wenn sie etwas nicht machen, das zu den Basics guter Pflege gehört. Aber die Schicht hat nur 10 Stunden und den Dekubitus sieht man erst, wenn er da ist und sie sind eben nicht dazu gekommen.

Foto: Manfred Koschabek

Das Management des Krankenhauses oder Heimes, das höchstwahrscheinlich im Anzug zum Interview kommen wird, wenn es sich nicht verleugnen lässt, wird nicht sagen, das Personal hatte keine Zeit, weil wir zu wenige Stellen finanzieren wollen, weil Vorstand und Aufsichtsrat satte Gewinne haben wollen, – nein, das Management wird sagen: „Ihr müsst Euch besser organisieren!“ oder eben, „das Personal hat falsch gelagert.“ Verschleierung durch Sprache.

Sie zweifeln? Ist das wirklich alles so schlimm? Übertreibt die Presse nicht mal wieder? Wenn Sie wirklich, allen Ernstes glauben, dass die ZEIT, der Inbegriff eines gut-bürgerlichen Blattes mit hohem intellektuellem Anspruch, bei dieser Thematik übertreiben würde, dann ist Ihnen, bei allem Respekt, nicht zu helfen. Sie können ähnliches seit langem im SPIEGEL5 oder der SZ6 lesen. Sie können, wenn Sie das lieber mögen, auch #gutezeitenfürgutepflegeund #twitternwierueddel aufsuchen, sehr aufschlussreich!

Ich vermute, Ihr Zweifel hat einen anderen Grund: Wenn Sie glauben, was da steht, müssten Sie etwas tun, weil Sie oder Ihre lieben Eltern sonst selbst in ihrem Stuhlgang liegen werden, Medikamente einnehmen müssen, die gar nicht für Sie bestimmt sind, oder an ihrem, jetzt noch mit einer wunderbar eleganten Tätowierung verzierten Hintern ein ekliges Druckgeschwür haben werden.

Was tun?

Viel Phantasie ist dafür eigentlich nicht erforderlich. Sie könnten also zum Beispiel unseren designierten Finanzminister und gewesenen Hamburger Allerersten Bürgermeister anschreiben, anmailen, … warum die Hamburger Pflegebedürftigen so etwas ertragen müssen, was er an der Finanzierung des Pflegesystems in Deutschland zu ändern gedenkt, damit es nicht mehr möglich ist, dass private und öffentliche und kirchliche – ja wohl, auch die!! – Träger mit dem Elend der Pflegebedürftigen ihre Gewinne optimieren. Er kann das ja mit dem, einer christlichen Partei angehörenden, aber doch wohl eher neo-liberal agierenden designierten Gesundheitsminister absprechen.

Vielleicht noch wichtiger wäre es, darüber nachzudenken, wie sein kann, dass Geld verdienen und Misshandlung zusammenhängen. In diesem Fall ging es um alte Menschen, also um Ihre und meine Zukunft, aber es gibt noch jede Menge anderer Zusammenhänge. Es stimmt nicht, dass Geld nicht stinkt, sondern der Gestank hängt sehr davon an, wie wir es verdienen. Und zuzulassen, dass in unserem gar nicht so schlechten Gesundheitssystem Geld, das Menschen für ihre Pflege und Behandlung ein Leben lang eingezahlt haben, dafür verwendet werden kann, dass Krankenhausträger sich bereichern, das ist Beihilfe zur Misshandlung.

Davon werden wir noch häufiger hören.

Hier gelangen Sie zur Übersicht aller bisher veröffentlichten Kapitel.

Fußnoten:

  • 1 „Wo bleibt denn die Pflegerin?“ ZEIT-HAMBURG vom 16. November 2017, Die ZEIT Nr. 47
  • 2 „Wo bleibt denn die Pflegerin?“ ebd
  • 3 „Wo bleibt denn die Pflegerin?“ ebd
  • 4 „Wo bleibt denn die Pflegerin?“ ebd
  • 5 Asklepios-Kliniken: Der kranke Konzern, von Kristina Knirke, Isabell Hülsen und Martin U. Müller, SPIEGELonline, 21.12.2016
  • 6 „Die Krankenhäuser sind total überfordert“, von Michaela Schwinn, sueddeutsche.de am 16. 2. 2018

Das Naturgesetz der Ungleichheit

25. Was können wir anders machen und wie?

Ja, Sie haben recht: ich schimpfe und maule. Rede dauernd von Missständen, die Sie doch alle ohnehin schon kennen, oder zumindest kennen könnten.

Sie meinen, dass es bei uns doch immer noch viel besser ist als anderswo? Was ja nicht so falsch ist. Zum Beispiel England, das im Zuge der Thatcherisierung sein Medizinsystem so demoliert hat, dass die Menschen ohne ausländische – deutsche! – Konsiliarärzte ziemlich übel dran gewesen wären. Wenn die jetzt im Zuge des Brexit auch noch verschwinden … Oder Griechenland, dessen korruptes Steuersystem mit deutschem Druck endlich saniert wurde, – wobei leider auch gleich noch die medizinische Versorgung drauf ging. Ein Freund war kürzlich auf Kreta in Urlaub und kam dazu, als jemand einen Herzstillstand bekam. Mehr als manuelle Herzmassage war nicht drin! Ein Notarzt, der mit Blaulicht gekommen wäre, Elektrokonversion, vielleicht ein Hubschrauber auf die nächste Intensivstation? Fehlanzeige. Der Mann ist natürlich gestorben. Die Griechen sind doch selber schuld, weil sie ihren korrupten Reichen das Steuerhinterziehen nicht rechtzeitig abgewöhnt haben!

Sorry, ich kann es offenbar nicht lassen! Und es ist doch bald Weihnachten!

Was ist mein Punkt? Ich versuche es mal ohne Polemik: Das gute Leben wäre so leicht zu haben! Hierzulande und auch bei denen, die es im Vergleich zu uns viel schlechter haben. Doch es wird weniger, hier und dort. Doch der sich ankündigende und anderswo längst vorhandene Mangel ist nicht gottgegeben, sondern er entsteht unter anderem, weil das Geld von den Vielen zu den Wenigen wandert! Piketti hat seine Thesen untermauert, diesmal mit 100 anderen Wissenschaftlern und es ist nichts besser geworden: 2013 kamen die obersten zehn Prozent auf 40 Prozent des Gesamteinkommens in der Bundesrepublik, die untere Hälfte der Bevölkerung dagegen nur auf 17 Prozent. Lesen können Sie das bei SPIEGEL ONLINE. 1

Jeder muss selber herausfinden, was gutes Leben für ihn und, so vorhanden, seine Kinder ist. Jeder muss herausfinden wie lange er ungute Lebenssituationen aushält. Aber ob es Chancen gibt oder nicht, das verantworten wir alle, denn wir leben hierzulande in einer Demokratie. Dabei wäre es so einfach. Was also müssten wir tun, um das gute Leben nicht ganz in die Tonne zu treten?

Es gibt Naturgesetze und Übereinkünfte. Naturgesetze müssen nicht in Form von Gesetzen und Verordnungen formuliert werden, denn sie verschaffen sich selbst ihr Recht: Dass die Schwerkraft gültig ist, merkt jeder sofort, der sich über sie hinwegsetzen will. Und wie das mit dem Klimawandel ist, merken wir schon und werden es noch deutlicher merken.

Ein Thema, das sich auch mit einer Art Naturgesetz in Verbindung bringen ließe,  ist ausgerechnet die bereits erwähnte Ungleichheit zwischen Armen und Reichen. Das ist keineswegs trivial. Alle wissen, dass die Ungleichheit erhebliche Sprengkraft gegenüber demokratischen Strukturen hat, dass den Ärmeren die Chancen geraubt werden, an den Errungenschaften unserer Zivilisation teilzuhaben, was ihnen die Perspektive eines Lebens im Elend immer näher bringt. Wenn Sie mich jetzt wieder an Weihnachten erinnern wollen: ja, ich weiß, das Kind in der Krippe! Das Verrückteste: die Ungleichheit nimmt auch hierzulande immer mehr zu, was an die Zustände im Kaiserreich erinnert. „Deutschland ist so ungleich wie vor hundert Jahren!“ 2

Eine Gruppe von holländischen Autoren hat sich gefragt, ob diese Ungleichheit nicht doch den Charakter eines Naturgesetzes hat 3: Im Vergleich zwischen menschlichen Gesellschaften und der Population an Pilzen, Bäumen, Darmbakterien, Algen, Fliegen, Nagetieren und Fischen im Amazonas zeigen sie, dass unter Zufallsbedingungen 1% oder weniger der Population 50% aller Ressourcen dominiert. Eine gegenteilige Wirkung üben natürliche Feinde aus, bzw. Institutionen, die den Reichtum ausgleichen sollen. Aber historische Forschung zeigt, dass solche Mechanismen uneffektiv werden, wenn Gesellschaften sich ausdehnen und an Wohlstand zunehmen. Dem entspricht die Ungleichverteilung des Reichtums in einer globalisierten Welt. Die Autoren betonen, dass Massnahmen gegen die Ungleichheit global angreifen müssen, wenn sie effektiv sein sollen. Immerhin scheint es möglich zu sein, etwas zu tun. Die Bewertung, ob das – angesichts des Zustands unserer Welt – eine gute Nachricht ist, will ich mal Ihnen überlassen.

Damit wir uns recht verstehen: Das ist ein wissenschaftlicher, hervorragend publizierter, kein moralischer Ansatz.

Übereinkünfte hingegen werden in unseren Sozialsystemen formuliert, sind menschengemacht und können im Unterschied zu Naturgesetzen auch durch Menschen geändert werden. Geändert werden könnte zum Beispiel die Übereinkunft, dass der Wert von Grund und Boden, und damit auch die Mieten der auf diesem Grund und Boden errichteten Häuser und Wohnungen ausschließlich dem Gesetz von Angebot und Nachfrage unterliegen. Interessanterweise hat diese Übereinkunft mit einem Naturgesetz gar nichts zu tun, wird aber wie ein solches behandelt. Und das, obwohl Lebensqualität und Zukunftschancen der Bewohner unserer Großstädte durch die Konsequenzen dieser Übereinkunft wesentlich verschlechtert werden. Ganz konkret schlage ich deswegen vor, dass die demokratisch gewählten Führer unserer Gesellschaft diese Übereinkunft ändern sollten. Was meinen Sie?

Eine andere Übereinkunft betrifft meinen persönlichen Albtraum:  die stationäre Medizin. Diese Übereinkunft besagt, dass der Betreiber eines Krankenhauses aus der Behandlung schwer kranker Menschen, – denn alle leichter Kranken werden heute ambulant behandelt, – Gewinn ziehen darf. Gewinn, den er in die eigene Tasche stecken, oder zur Deckung von Schulden verwenden kann, die nicht in der Behandlung dieser konkreten Patienten entstanden sind, sondern durch Unachtsamkeit oder medizinische Misswirtschaft der Krankenhausbetreiber in der Vergangenheit. Wie ich immer wieder deutlich zu machen versucht habe, hat diese Übereinkunft eine Systemänderung der Medizin zur Folge: Stationäre Medizin wird heute in erster Linie nach kapitalistischen Kriterien betrieben und erst in dritter oder vierter Linie nach Regeln der medizinischen Ethik, des Mitgefühls oder schlicht des zwischenmenschlichen Anstandes. Da dieses Vorgehen für die Qualität der Patientenbehandlung und eben auch für die Berufsethik der Ärzte nachhaltig miserable Konsequenzen hat, während es sich positiv ausschließlich auf die kapitalistische Gier auswirkt, meine ich, dass unsere Demokratie das ändern sollte. Was meinen Sie?

Natürlich gibt es noch viel mehr, meines Erachtens dringend änderungsbedürftige Übereinkünfte. Aber bleiben wir mal bei diesen beiden und fragen uns, was Änderung konkret heißen könnte. Soll Grundbesitz also enteignet werden? Ich glaube nicht, dass es auch nur den geringsten Sinn hätte, Modelle wiederzubeleben, deren Untauglichkeit historisch hinreichend gezeigt wurde. Einerseits. Andererseits ist ein gedeihliches soziales Zusammenleben für uns einzelne Individuen wie für unser Gemeinwesen als Ganzes von so hohem Wert, dass wir auf Regeln bestehen sollten, die ein solches Zusammenleben auch in den großen Städten in Zukunft ermöglichen. Grundstückpreise und Mieten müssen also in Bezug gesetzt werden zu den erzielbaren Einkünften einer repräsentativen Mehrheit, der in diesen Städten lebenden Menschen. Da die Einkommen bekannt sind, ist die Herstellung dieses Bezugs ein lösbares Problem. Grund- und Wohnungsbesitzer sollen als nach wie vor mit diesem Besitz Handel betreiben und Gewinn machen können, aber es gibt keinen ersichtlichen Grund, diesen in schwindelerregende Höhen wachsen zu lassen. Man muss ihn begrenzen! Eine solche Regelung hätte zusätzlich den Vorteil, dass sie die Spekulation mit Grund und Boden unattraktiv macht. Letzteres ist dringend notwendig, denn Immobilienspekulation ist nicht etwa eine unschuldige Möglichkeit der Geldvermehrung wie beim MONOPOLY, was Sie vielleicht an den Weihnachtsfeiertagen spielen, sondern führt in vielen Fällen zu strategischen Leerständen und zur Wohnraumvernichtung, wodurch Lebensqualität in den Städten völlig unnötig verschlechtert wird.

Sie sind herzlich eingeladen, über andere Alternativen nachzudenken, es sei denn, Sie halten es für eine gute Idee, München, Hamburg, Berlin & Co auf Dauer unbewohnbar zu machen. Derzeit verhandeln Parteien über die Voraussetzungen, nach denen sie Regierungsbeteiligungen eingehen wollen. Es wäre hoch an der Zeit, dieses Thema den Ihnen nahestehenden Politikern ans Herz zu legen. Ach sorry, ich weiß: Weihnachten!

Andere Frage: Sollen Krankenhäuser den privaten Betreibern weggenommen und nur noch vom Staat betrieben werden? Das wäre kaum sinnvoll, denn vielfach wurden Krankenhäuser mit der oft zutreffenden Begründung privatisiert, dass staatliche Betreiber nicht in der Lage waren, so komplexe Leistungserbringer wie Krankenhäuser effektiv zu betreiben.

Im Fall der stationären Behandlung wäre Abhilfe der Missstände aber viel einfacher: Medizinische und wirtschaftliche Leitung müssen getrennt werden, die Einhaltung der medizinisch-ethischen Regeln muss ebenso wie die wirtschaftlichen Ziele extern kontrolliert werden; im Konfliktfall muss die medizinische gegenüber der wirtschaftlichen Entscheidung priorisiert werden. Denn Krankenhäuser sind für die Medizin da! Würden Sie sich einen Herzkatheter schieben lassen, oder ein künstliches Hüftgelenk einsetzen lassen, wenn das wirtschaftlich attraktiv, aber medizinisch sinnlos wäre? Natürlich würden Sie das nicht tun, sofern Sie halbwegs bei Sinnen wären. Genau das passiert aber vielerorts, weil es keine unabhängige Kontrolle gibt und weil die wirtschaftliche Leitung die meisten Entscheidungen dominiert. Das ist Missbrauch von Patienten und Ressourcen, – Weihnachten hin oder her! Interessant wäre übrigens auch, was die Krankenkassen dazu meinen, die das Geld der derart miserabel behandelten Patienten verwalten und gutes Geld für immer schlechter werdenden Leistungen zahlen.

Damit wir uns recht verstehen: Bei diesen Vorschlägen handelt es sich nicht um komplexe Eingriffe in sensible Systeme, sondern um sehr schlichte Umsetzungen des gesunden Menschenverstandes. Oder, wenn Sie so wollen, um übersichtliche Korrekturen von ins Kraut geschossenen Missständen. Die haben sich entwickelt, weil wir Übereinkünfte wie Naturgesetze behandeln.

Es wird also nicht so einfach. Wie wäre es mit einem Weihnachtswunder? Das könnte zum Beispiel so aussehen, dass wir unsere Phantasie und unsere Kreativität mobilisieren, um die Dinge nicht so laufen zu lassen, wie sie laufen, sondern um wieder Verantwortung zu übernehmen, für unser Leben und das Leben unserer und aller Kinder, – für ein gutes Leben.

Hier gelangen Sie zur Übersicht aller bisher veröffentlichten Kapitel.

Quellen:

  • 1 SPIEGELonline vom 14. 12. 2017, David Böcking: Der große Graben
  • 2 SZonline 14. 12. 2017
  • 3 Marten Scheffer, Bas van Bavel, Ingrid A. van de Leemput, and Egbert H. van Nes: Inequality in nature and society, http://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1706412114 (Diesen Hinweis verdanke ich wie viele andere gute Ideen, dem Peter!)
  • Fotos: pexels.com (bearbeitet)

 

„Paradise Papers“ und Psychopathen

Wer alles bloß des Geldes wegen tut, wird bald des Geldes wegen alles tun.

24. Wie ist das mit den Reichen?

Foto: Manfred Koschabek

Vielleicht gibt es zwei Gruppen Menschen, die sehr Reichen und den Rest. Ich bin irgendwie ratlos, wie ich mit dieser Zweiteilung der Menschheit umgehen soll. Menschen sind doch eigentlich alle. Und es gibt Menschen mit sehr viel Geld, die geistvoll, empathisch, – eben menschlich sind. Aber fast jede Woche gibt es irgendwelche Nachrichten, die den alten Spruch bestätigen, dass Geld den Charakter verdirbt und einen zweifeln lassen, ob alle wirklich der gleichen Spezies angehören. Und dann die Sache mit Jesus: Ich frage mich, was es eigentlich noch für einen Sinn macht, sich christlich zu nennen. Vielleicht macht es ja keinen. Aber egal, wie ich mich nenne, – wie soll ich mich zu diesem Spruch stellen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen? (Markus 10, 23)

Mir hatte es die Sprache verschlagen. Ich wusste nicht, was ich schreiben wollte und irgendwie auch nicht, ob ich das, was ich schreiben wollte, wirklich schreiben darf, also, ob es korrekt ist.

Los ging es mit diesen „Paradise Papers“. Sie erinnern sich? Gerade mal drei Wochen her, aber schon wieder im Hintergrund. Reiche und große, bekannte Firmen, – Nike, Apple, die Queen, – hallo, diese nette Queen? Die Queen!! – ein Trump-Minister – konkurrieren wie wild darum, sich legal um die Steuern zu drücken. Legal! Auch unser Staat, der mittlerweile alles überwacht und immer noch mehr überwachen will, fühlt sich hilflos! Minister Schäuble sprach im Interview mit dem NDR von einer Hydra: Wenn man einen Kopf abschlägt, wächst schon der nächste. Klassische Bildung ist nichts schlechtes, aber soll man ihm das wirklich glauben?

Ich habe mich so über diesen Apple-Konzern geärgert, dass in mir kurz der Impuls auftauchte, mein iPhone und mein MacBook in die Tonne zu treten. So ein tolles Design, und so eine miese Moral, – von der Herstellung in China mal ganz abgesehen. Sie finden das lächerlich? Ich eigentlich auch. Ich würde mir ja nur selber schaden. Aber schade ich mir denn nicht auch, wenn ich mit solchen Geiern Geschäfte mache? Und Geschäfte mache ich, wenn ich die entsprechenden Produkte kaufe. Besonders kurios: die langen Schlangen vor den Apple-Stores, wenn wieder ein unfassbar innovatives, aber eben auch besonders unbezahlbares Produkt erscheint, für das natürlich wieder entsprechend viele Steuern vermieden werden. Der verheerende Effekt auf das Gemeinwohl spielt bei so einem tollen gadget anscheinend keine Rolle.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich fühle mich machtlos. Ich finde, man müsste ein Zeichen setzen. Ein Zeichen dass diese Machenschaften degoutant sind, so degoutant, dass man mit dieser Art von Reichen nichts mehr zu tun haben will, dass man sie brandmarkt als Aasgeier unserer Zivilisation. Dabei ist es wahrscheinlich schon wieder politisch unkorrekt, etwas gegen „die Reichen“ zu sagen, denn es gibt ja welche, die ganz in Ordnung sind. Und kann man jemandem vorwerfen, wenn er sein Einkommen legal optimiert? Wäre die Grenze nicht vom Staat zu setzen?

Alle scheinen das, was mit dem Geld passiert, normal zu finden. Reagiere ich überzogen? Tatsache ist, dass es immer so weiter geht. „Die Vermögen der Superreichen wachsen immer schneller, während sich die Armut verfestigt. (1)“ In Deutschland!

Zwei Wochen nach den Paradise-Papers stand das in faz.net, was nicht gerade eine ultralinke Quelle ist: „Die Zahl der Superreichen mit Vermögen von mehr als 50 Millionen $ erhöhte sich in Deutschland von 500 auf 7200…“ (Ich habe dreimal nachgelesen, ob die Zahl stimmt!) „Nur in China und den Vereinigten Staaten gibt es mehr Superreiche. In Frankreich, Italien und der Schweiz sind es weniger als halb so viele.“ „Den Berechnungen zufolge sind von Mitte 2016 bis Mitte 2017 gut 237.000 Menschen in den Kreis der Dollarmillionäre aufgerückt.“

Dieses Deutschland, das die letzten Jahre von Frau Merkel und Herrn Gabriel und seiner SPD regiert wurde, gehört zum Trio infernal der Mutterländer der Ungleichheit! Gründe sind u. a. das ungleich verteilte Immobilien- und Aktienvermögen. Schon wieder die Unsicherheit: Sollte ich so etwas überhaupt schreiben oder leiste ich damit der AfD Vorschub?

A propos Aktien: während alle Welt über das Scheitern der sogenannten Jamaika-Verhandlungen verblüfft bis entsetzt ist, stieg der DAX an! Deutschland ohne starke Führung, die Wirtschaftsbosse müssten doch not amused sein? Oder könnte es ganz einfach sein, dass die Anleger klammheimlich honorieren, dass die Grünen mit ihren starken Umweltvorstellungen rausgeflogen sind? Könnte es nicht sein, dass die Agenda der Geldleute in eine andere Richtung geht als der common sense, ohne dass es überhaupt in der öffentlichen Diskussion erscheint? Wer mit Aktien handelt, hat das Gefühl, er ginge mit sauberem Geld um, weil Blut, Schweiß und Tränen auf die Aktien nicht draufgemalt sind.

Alle regen sich auf, aber das große Geld geht unbeirrt seinen Weg?

Zum Beispiel: In der reichen Hansestadt Hamburg nimmt man es seit Jahren als gegeben hin, dass in vielen ihrer ehemals und auch heute noch zu 21% städtischen Kliniken Patienten unter unhaltbaren pflegerischen, hygienischen und personellen Bedingungen behandelt werden! Man faselt vom Pflegemangel, obwohl die Verwalter genau wissen, dass sie gar keine zusätzlichen Pflegekräfte einstellen wollen. Weil es zwar schlechter für die Patienten, aber eben sehr viel lukrativer ist, wenn man mit dem Geld was cooleres macht als Krankenschwestern zu beschäftigen: „Du bist doch nur eine Krankenschwester, was willst Du denn?“ (2)

Die ZEIT bringt Interviews mit Pflegekräften (2): „Ich muss immer wieder Patienten in ihrem Stuhlgang liegen lassen. Medikamente werden vertauscht oder vergessen …“ „ Ein Patient ist sturzgefährdet, also sagt man ihm, er solle nicht allein zur Toilette gehen …. er klingelt und klingelt … dann geht er eben doch allein.“ „Im Nachtdienst arbeiten wir 10 Stunden durch, manche Kollegen trinken nicht mal was.“ … „Manchmal sitzen Kollegen heulend vor Überforderung im Aufenthaltsraum.“

Foto: Manfred Koschabek

Klar, dort wollen Sie nicht Patient sein. Aber mal ehrlich: Wen interessieren diese Geschichten eigentlich wirklich? Wird der Erste Bürgermeister der Hansestadt, der doch sonst fast alles im Griff hat, endlich etwas unternehmen, dass seine Bürger künftig besser behandelt werden, unter besseren Bedingungen arbeiten? Wird diese Stadt denn nicht von einer Partei regiert, der die Arbeitnehmerinteressen sehr am Herzen liegen?

Als Herkunft der Interviews steht immer wieder dass es Mitarbeiter aus dem „Konzern“ sind. Auch ein paar Male aus „kirchlichen Häusern“, was ja nun ein ganz anderes Fass aufmacht, – aber Jesus hatten wir heute schon. Am häufigsten wird der „Konzern“ erwähnt. Hat die ZEIT Angst vor Klagen? Na ja, so viele Krankenhaus-Konzerne gibt es wohl nicht in Hamburg.

Wir können ja mal abwarten, was sich tut. Ich gehe davon aus, dass der Superreiche, der mit Hamburger Krankenhäusern die großen Geschäfte macht, einfach kurz mit den Schultern zuckt und diesen Mist an sich abperlen lässt. Vielleicht plauscht er mit Udo Lindenberg in der Lobby des Hamburger Atlantic-Hotels, das er von seinen Konzerngewinnen 2014 gekauft hat. Nichts gegen Udo. Sollte er aus dem Atlantic ausziehen, bloß weil dieser Konzern-Lenker es gekauft hat? Lächerlich.

Gut, dass die ZEIT-HAMBURG diese Interviews gedruckt hat. Aber leider wird von der gleichen ZEIT so deutlich gemacht, wie es deutlicher gar nicht mehr geht, dass es auf Pflegekräfte in dieser Gesellschaft nicht mehr ankommt, dass sich die wichtigen, wohlhabenden und sehr schlauen Menschen für so kleingeistiges Zeug gar nicht interessieren:

Diese gleiche ZEIT, die vornehmste Zeitung der vornehmen Hansestadt, die liberale und sich für die Menschenrechte einsetzende ZEIT, veranstaltet mit lauter Spitzendenkern eine Tagung zur hochrelevanten Frage der Digitalisierung in der Medizin (3), – nur kurz die ganz inadäquate Meinung des Verfassers: Billige Computer ersetzen teure Menschen! – Ja mit wem wohl? Mit dem „Konzern“! Und der Konzernlenker, der Hotelkäufer darf mit auf dem Podium sitzen. Auf einen Leserbrief an die ZEIT, ob das nicht der falsche Konzern sei, der da durch die ZEIT „geadelt“ werde, meinte man, dass die Vorwürfe gegen Asklepios doch Vorverurteilungen durch den SPIEGEL gewesen wären! Eine Hamburger Zeitung über die andere Hamburger Zeitung! Dass nie eine Gegendarstellung erschienen ist, interessierte nicht.

Warum interessieren wir und unsere Mächtigen uns nicht wirklich dafür, was für Mist mit dem großen Geld gemacht wird? Auch der Landtag von Schleswig-Holstein ist völlig desinteressiert an der Frage, warum so viele Patienten auf den Gängen des landeseigenen Universitätsklinikums rumliegen, – Hauptsache das Klinikum schöpft genügend Geld aus der Medizin, um seine und die Schulden des Landes zu bedienen.

Foto: Manfred Koschabek

Immobilien sind ein anderer Bereich, in dem Reiche mit zu viel Geld zu viel Mist machen. Und über dessen Missstände seit Jahren geschrieben wird, zuletzt wieder mal in der SZ (4): „Rechnet man alles zusammen … sind insgesamt 860.000 Menschen ohne feste Wohnung … Wenn jährlich neue Rekord-Obdachlosenzahlen gemeldet werden, erinnert man sich daran, was eine Wohnung bedeutet. Sie ist wie Nahrung und Luft ein existenzielles Gut. Ein Garant der Menschenwürde…“ (Echt schön geschrieben! Könnte im Grundgesetz stehen!) „ …Die Preise für Wohnraum ob zur Miete oder als Eigentum, sind reiner Irrsinn. Ganz normale Menschen werden zunehmend von weiten Teilen des Marktes ausgeschlossen (Thomas Jocher) …“

Wissen wir doch, wissen wir doch schon längst, erleben wir doch selbst jeden Tag!

Ganz aktuell: „Auf dem früheren Paulaner-Gelände am Nockherberg In München entstehen Eigentumswohnungen … Eine Drei-Zimmerwohnung im vierten Stock, 87 (!) Quadratmeter, hat die Millionenmarke geknackt: … auf der November-Liste sind es 1.081.000 Euro.“ (5) Es baut die Bayerische Hausbau…

Foto: Manfred Koschabek

„Die Politik begreift nicht, dass man ein endliches Gut wie den Boden und ein unendlich bedeutsames existenzielles Grundbedürfnis wie das Wohnen nicht allein dem Markt überlassen darf. […] Die Politik begreift nicht. Würde die SPD in eine große Koalition diesen Mietpreis-Skandal, diese Verrohung der guten Sitten einbringen?“ (4)

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass, wer mit Geld so richtig Schotter macht, denn Geld verdienen kann man ja in dieser Größenordnung nicht mehr sagen, a priori ehrenwert ist, mit schnellem Zugang zu den Einflussreichen (Politikern) und Mächtigen. Das „Wie“ erscheint seltsam uninteressant, entsprechend dem Ausspruch des römischen Kaisers Vespasian „non olet“ – es stinkt nicht. Er soll das gesagt haben, als man ihm vorhielt, dass er auf die öffentlichen Latrinen eine Steuer erhob.

Sie führen uns an der Nase herum, die Mächtigen und Reichen, wenn sie Steuern hinterziehen, wenn sie eine Diskussion über die Personalnot vom Zaun brechen, obwohl sie Personal doch gar nicht einstellen wollen, wenn sie Immobilien horten und sich in ihrem Aktionärsverhalten gegen die Umwelt-Trends stellen…

Und wir lassen es zu, wir alle! Die Bürger der Stadt Hamburg, des Landes Schlewig-Holstein, der BRD, wir alle!

Lets go global!

Kennen Sie Paul Singer? Mich interessierte er auch nicht, bis ich ein Buch von Jean Ziegler in die Finger bekam (6).

Foto: Manfred Koschabek

Singer macht Menschen kaputt. Vielleicht sollte man sagen, er ruiniert die Bürger von Staaten, die vorher schon bankrott waren. In der Regel handelt es sich dabei um Staaten aus dem Süden, wie Sambia, Sierra Leone oder Argentinien, die mehr oder weniger ohne eigenes Zutun, bzw. ohne Zutun ihrer aktuellen Regierungen in die Insolvenz geraten sind. Dürren, Missernten, oder im Fall von Argentinien ein faschistisches Regime, das dem Land neben Tausenden unbekannten Toten Unsummen an Schulden hinterlassen hat. Staatsbankrott.

In solchen Fällen werden die Gesamtschulden, die das Land nicht mehr bezahlen kann, durch Verhandlungen zwischen den internationalen Banken und dem betroffenen Land in eine Summe umgeschuldet, die bezahlbar erscheint. Auch diese Umschuldung ist für die Bürger des betroffenen Landes, die häufig an dem Bankrott keinerlei Schuld tragen, keineswegs leicht zu schultern: Reduktion der Löhne, des Lebensstandards, Steigerung der Arbeitslosigkeit etc. Aber sie sind noch nicht ruiniert.

Das passiert erst, wenn Leute wie Paul Singer ihre Aktivitäten entfalten: Trotz der international gültigen Umschuldung existieren die ursprünglichen Schuldscheine weiterhin auf dem Markt. Wegen der Umschuldung sind sie auf dem Papier kaum noch etwas wert, aber man kann sie kaufen und dann mit Hilfe geschickter Anwälte vor Gerichten, vorwiegend in den USA, um ihre Erfüllung prozessieren, – wenn man genügend Geld hat. Als nächsten Schritt kann man dann alles, was von diesen Ländern außerhalb der Landesgrenzen auftaucht, – Schiffe, Maisvoräte, Erzdepots – pfänden lassen. Durch diese Taktik gelang es einer Handvoll Superreicher, Paul Singer und Gleichgesinnten, ihr Vermögen auf schwindelerregende Höhen zu bringen. Die Bürger von Malawi, Sambia, Sierra Leone und sogar Argentinien hungern oder sterben an Hunger.

Was hat Paul Singer davon? Das ist schwer zu sagen, weil niemand weiß, was der Zuwachs solchen Reichtums in einem Menschen auslöst. Muss man sich seinen Charakter wie den von Dagobert Duck vorstellen? Doch bei Dagoberts Profil fehlt die Komponente, dass durch seine Aktivitäten andere Menschen sterben, dass Kinder kläglich an Hunger zu Grunde gehen, dass sich in diesen Ländern Anarchie und Gewalt in einer Weise breit machen, wie wir uns das im reichen Nordwesten überhaupt nicht vorstellen könnten.

Man muss davon ausgehen, dass Paul Singer all das weiß und seine Aktivitäten trotzdem fortsetzt. Was ist das für ein Mensch? Die Psychiater haben eine Antwort darauf: Wer in Kauf nimmt, dass andere Menschen leiden, zu Grunde gehen in Verzweiflung und ohne Chance auf Rettung, ist ein Psychopath, ohne jeden Zweifel.

Foto: Manfred Koschabek

Wie kommt es, dass Psychopathen sich so verhalten dürfen, zu Lasten unschuldiger Menschen? Wieso dürfen Gerichte in den USA so urteilen, wie oben dargestellt? Treu und Glauben entspricht das jedenfalls nicht. Wie Ziegler zeigt, liegt das daran, dass die Justiz im Westen, insbesondere in den USA, das Recht des freien Geschäftemachens über alles andere Recht stellt. Der berühmte freie Markt wird von diesen Gerichten für wichtiger gehalten als Menschenleben und Lebensqualität. Der freie Markt war einmal eine tolle Sache, eine Chance für jeden, durch eigene Tüchtigkeit reich zu werden. Die Chance gibt es heute nicht mehr, weil Geld nicht mehr durch Arbeit, sondern nur noch durch Aktienhandel, Immobilien u. ä. vermehrt werden kann, was bedeutet, dass Sie wenigstens Aktien, Häuser, Land etc. besitzen müssen, um mit dem Reichwerden anzufangen, – Tellerwaschen ist zu wenig.

Jetzt drängt sich mir schon wieder so ein politisch unkorrektes Statement auf: Der freie Markt dient heute anscheinend nur noch Psychopathen! Aber machen die denn die Gesetze? Wer macht die?

Hier gelangen Sie zur Übersicht aller bisher veröffentlichten Kapitel.

Quellen:

  • 1 FAZ.NET vom 14.11.2017, Daniel Mohr: Immer mehr Millionäre in Deutschland
  • 2 Die ZEIT Nr. 47, 16. November 2017, Ruth Eisenreich: Wo bleibt denn die Pflegerin?
  • 3 Die ZEIT Nr. vom 12. Oktober 2017
  • 4 Süddeutsche Zeitung Nr. 265, Samstag/Sonntag 18./19. November, S. 17, Gehrhard Matzig: Bodenlos
  • 5 SZ.de 27. November 2017
  • 6 Jean Ziegler, Der schmale Grat der Hoffnung, C. Bertelsmann Verlag, München 2017, S.30.

Einblicke in die Spielregeln des Kapitalismus

Wenn es ums große Geld geht, gibt es keine Gleichbehandlung. Wer große Schulden hat, dem wird gegeben, wer kleine Schulden hat, der muss sie abzahlen. Ein Kapitel mit vielen großen Zahlen.

23. Banker und Pflegebedürftige

Ihre Beziehung zu „Ihrer“ Bank ist ganz klar: Ihr Geld befindet sich die meiste Zeit nicht bei Ihnen, sondern auf „Ihrem“ Konto bei „Ihrer“ Bank. Shoppen Sie deshalb so gerne, weil Sie auf diese Weise öfters mal direkt mit „Ihrem“ Geld in Kontakt kommen, von dem Sie sonst nichts sehen?

Wenn Sie im Plus sind bekommen Sie wenig Zinsen – zur Zeit meistens gar keine – gutgeschrieben, im Minus zahlen Sie Zinsen. Die Banken gelten als praktisch für alle Beteiligten: Für die Bank, weil sie mit Ihren Einlagen Geld verdienen kann, für Sie, weil Ihr Geld dort sicher ist. Sicher? Sagen wir mal so: Ziemlich sicher gegen kleine Diebe oder größere Bankräuber, nicht so sehr sicher gegen die große Hybris, wenn sich die Banken selbst aufs Glatteis größerer Bankgeschäfte begeben.

Kommt nur selten vor? Na ja. 2008 ist nicht der einzige Bankencrash passiert: Da gab es die Finanzkrise von 1987, die „Japankrise“ von 1990, das „Rentenmarktdebakel“ 1994, die „Russlandkrise“ 1998, die „Dotcomblase“ 2000 und eben auch das bisher eindrucksvollste Desaster, das auf dem US-amerikanischen Häusermarkt begann und sich in seinen Folgen 2008 ff. auf die ganze Welt ausbreitete. Und das sind nur die letzten 21 Jahre!

An den Folgen kauen Sie und ich noch heute. Davon haben Sie nichts gemerkt? Doch. Es war Ihnen nur nicht klar. Schauen Sie mal auf die Internetseite des Statistischen Bundesamtes vom 23.02.2011. Falls Sie finden, dass das doch etwas lange her und wohl nicht mehr aktuell sei, können Sie unbesorgt sein: Diese „alte“ Geschichte hat immer noch größte Bedeutung für Ihr alltägliches Leben und wird es auch noch für das Ihrer Kinder und Kindeskinder haben. Auf dieser Seite können Sie lesen, dass sich der Schuldenstand der öffentlichen Haushalte der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2010 um 304,4 Milliarden Euro erhöht hat (1).

„Dies war der höchste absolute Zuwachs des Schuldenstandes in einem Jahr seit Bestehen der Statistik …“

Mitteilungen des Statistischen Bundesamtes sind zugegeben etwas wortkarg. Natürlich hat sich der Schuldenstand nicht einfach durch das Einwirken übernatürlicher Kräfte erhöht. Sondern? Indem die von der Mehrheit der Deutschen gewählte Bundeskanzlerin ihr Einverständnis gab, die durch die Krise des amerikanischen Häusermarktes ausgelöste Schuldenlawine durch das finanzielle Eintreten der Bundesrepublik Deutschland in Höhe von gesamt 304,4 Milliarden Euro zu stoppen.

304,4 Milliarden? Solche Zahlen lösen bei Ihnen keine sinnvollen Gedanken aus? Ehrlich gesagt, bei mir auch nicht. Sie sind zu groß. Eine typische Fehlleistung beim Umgang mit solchen Zahlen ist, dass ich beim Schreiben mehrfach versucht war, die 0,4 hinter dem Komma wegen der besseren Übersichtlichkeit wegzulassen. Aber 0,4 Milliarden sind 400 Millionen! Ich finde, die kann man nicht einfach so weglassen.

Nur zum Vergleich: Der zinsfreie Kredit von bummelig 40 Millionen (2), den das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein jährlich von seinem Bundesland gewährt bekäme, wenn es schwarze Zahlen schreiben sollte, sind „nur“ 10% von diesen 0,4 Mrd. Ein kreativeres Beispiel bietet die Elbphilharmonie: diese 0,4 Mrd sind fast die halben Kosten der über die Jahre völlig aus dem Ruder gelaufenen Gesamtsumme von 789 Millionen (3). Aber damit sind wir erst bei der Stelle hinter dem Komma, tatsächlich geht es um viel, viel, viel mehr Geld!

Um das besser zu verstehen, habe ich eine kleine Tabelle gemacht:

1€ = 1 Euro
1.000€ = 1000 Euro 
1.000.000€ = 1 Million Euro   
1.000.000.000€  = 1 Milliarde Euro         
304.400.000.000€ = die „Neuverschuldung“   

Wenn Sie diese Pyramide auf das normale Leben übertragen wollen, hilft Folgendes:

  • 1€: Im Zahlenbereich zwischen 1 und ein paar 100€ spielt sich das finanzielle Leben von Harz-IV-Beziehern und Leuten ab, die in Mindestlohnbereichen arbeiten.
  • 1.000€: Im Bereich einiger 1000€ bewegen sich die Finanzen von Menschen, die angestellt oder verbeamtet für Geld arbeiten, und die ganz überwiegende Mehrzahl der Selbstständigen, also höchstwahrscheinlich auch Sie und ich.
  • 1.000.000€: Vorstände großer Betriebe (VW!) oder Banken haben ein Jahreseinkommen oder bekommen Abfindungen (Air Berlin!) im Bereich von Millionen.
  • 1.000.000.000€: Nur ganz wenige Menschen – die sogenannten Superreichen – überschreiten mit ihren Vermögen die Milliardengrenze (Soros und Buffet, Marc Zuckerberg …)
  • 304.400.000.000€: Jetzt sind wir bei der Neuverschuldung im Jahr 2010 angekommen!

Setzen Sie sich ruhig mal hin und meditieren Sie über diese Zahlen! Wenn die Achtsamkeit wächst, werden Sie sehen, wie ungeheuerlich 304,4 Milliarden sind.

Setzen Sie mal versuchsweise Zahlen, die durch die Nachrichten geistern, in diese Pyramide ein:

  • die Kosten für Flüchtlinge schätzt die Neue Zürcher Zeitung zwischen 30 und 40 Milliarden und konstatiert, dass diese Zahlen bei den Bonner Ministerien aus Angst von den Bürgern ein Tabuthema seien (4).
  • Die Kosten für die Einführung der Digitalisierung an den Schulen (5), 5 Milliarden, versprochen von der Bildungsministerin,
  • überhaupt für Bildung, die Förderprogramme für die Wissenschaft, – oder
  • die Kosten für ein gutes Gesundheitswesen.

Sie werden feststellen: Im Vergleich zur Neuverschuldung der BRD im Jahre 2010 sind das alles Peanuts! Da hühnern die Parteien bei der Koalitionsbildung um Obergrenzen herum – gemeint sind natürlich die Summen, die das kostet, – und dabei geht es um etwas mehr als ein Zehntel der Milliarden, die für die Banken ausgegeben wurden.

Aber – wenn Sie auf Ihr Bankkonto schauen, merken Sie von den 304 Milliarden Schulden doch gar nichts? Da tauchen sie ja auch nicht auf. Sie würden sich wahrscheinlich auch beschweren, mit Sicherheit gäbe es Demonstrationen, Aufruhr und vor allem hätte ein solcher Schritt massive Auswirkungen bei den nächsten Wahlen. Die Regierung ist einen für sie einfacheren Weg gegangen. Anstatt diese Verschuldung jedem einzelnen Bürger sichtbar aufzubürden, hat sie die sogenannte Staatsverschuldung erhöht. Netter Trick! Kapitalistische Spielregeln eben.

Na ja. In der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts, die ja eher sachlich als emotional verfasst ist, finden sich ein paar Hinweise, was dieser Trick tatsächlich bedeutet:

„… Die Ergebnisse umfassen die Kreditmarktschulden und Kassenkredite und beziehen sich auf die Kernhaushalte des Bundes, der Länder, der Gemeinden und Gemeindeverbände …“

Im Klartext: Die 304 MRD trägt unser Gemeinwesen, als Kredit. Also nicht nur die Summe, sondern auch die Zinsen. Die genaue Höhe habe ich im Internet nicht gefunden. Und da Bund, Länder und Gemeinden Haushaltsregeln befolgen müssen, haben sie für anderes – für viel anderes – kein Geld!

Interessiert es Sie, wofür genau die Regierung diese Schulden gemacht hat? Zur Herkunft gibt das Statistische Bundesamt eine klare Antwort:

„Wesentlich zum Anstieg beigetragen haben die im Jahr 2010 neu gegründeten … „Bad Banks“.

„Bad Banks“ klingt wie Wilder Westen!

Von uns aus gesehen ist es tatsächlich im Westen passiert, im wilden Westen an der Ostküste der USA, konkret in der Wall-Street. 2008 ist der Immobilienmarkt der Vereinigten Staaten explodiert. Größte, berühmteste und vor allem – Globalisierung! – international operierende Banken wären beinahe in den Konkurs gegangen. Vermieden wurde das, weil einige halbwegs unbelastete Banker die Politiker davon überzeugt haben, dass ein Konkurs dieses Ausmaßes die Volkswirtschaft aller westlichen Länder schwer schädigen würde. In Deutschland erfolgte diese Überzeugungsarbeit durch Herrn Josef Ackermann, dem damaligen Chef der am Immobilienskandal durchaus beteiligten (6) Deutschen Bank.

Um die lawinenartige Verwandlung des Bankencrashs in einen globalen Wirtschaftscrash zu vermeiden, wurde ein Trick – schon wieder! Es scheint viele Tricks im Kapitalismus zu geben! – angewandt: Man lagerte die schlechten (=ungedeckten) Kredite der ins Schlingern geratenen Banken in sogenannte „Bad Banks“ aus und befreite die somit „gereinigten“, – sollte ich sagen „guten“ Banken?? – so von Schulden, die nie wieder einzutreiben gewesen wären. – Spätestens jetzt dürfte Ihnen klar sein, dass Banken mit zweierlei Moral arbeiten: So etwas könnte Ihnen nie passieren, wenn Sie in eine finanzielle Schieflage geraten! – Diese ungedeckten Kredite hätten vor allem verhindert, dass die Rettung dieser Banken durch einen Verkauf zustande gekommen wäre, also dass das Geschäft weitergeht, als wäre nichts geschehen. Genial? Diabolisch? Das unabweisbare Problem daran ist, dass die Allgemeinheit, der Staat, Sie und ich, unsere Kinder, Kindeskinder und so weiter – für diese Schulden aufkommen werden. Also: Wir übernehmen die Verantwortung für ein finanzielles Desaster, das einige, – gar nicht so wenige!- verbrecherische (?), spielsüchtige (?) oder vielleicht einfach nur gierige Banker angerichtet haben?

Falls Ihnen diese Frage zu unsachlich und emotional ist, fragen wir doch mal anders: Was sind die Folgen dieser Neuverschuldung? Dass von Bund, Ländern und Gemeinden gespart werden muss. Und zwar gewaltig, weil auch die Kreditsumme gewaltig ist. Anders lässt sich das ja nicht ausdrücken. Sie fragen sich, warum in den Bereichen Bildung und Universitäten geknausert wird, warum freie Lehrerstellen nicht besetzt werden, obwohl doch schon lange bekannt war, dass die Schülerzahlen zunehmen, warum die, für das Wohlergehen unseres Gemeinwesens so grundlegenden Polizistenstellen gestrichen wurden, (7) warum die Temperatur in Schwimmbädern gesenkt wurde (8) und sanierungsbedürftige Schwimmbäder nicht saniert werden, warum die Schulen in einem Zustand wie in Dritte-Welt-Ländern sind – undichte Dächer, defekte Heizungen, Ratten und Mäuse in den Luftschächten (9) – und warum sich Städte und Länder den Betrieb von Krankenhäusern nicht leisten können und an private Träger verkaufen müssen? Es ist halt kein Geld da. Und jetzt wissen Sie auch, wo es hingekommen ist.

Aber warum nur hat sich die Naturwissenschaftlerin Angela Merkel, die sicher von der Pike auf gelernt hat, wie kritisch man mit Theorien umgehen sollte, in einer gewaltigen Bankenkrise ausgerechnet vom Banker Ackermann beraten lassen?

In einem Interview mit der ZEIT (10) erzählte Herr Ackermann, seinerzeit einer der wichtigsten Banker in Deutschland, wie wichtig ihm damals der Dialog mit der Kanzlerin war. Mit dieser Einschätzung lag er offensichtlich richtig, denn in diesem Dialog gelang es ihm, die Information an die Frau zu bringen, wie die Banken aus Sicht eines Bankers zu retten wären. Was Ackermann gemacht hat, nennt man Lobbyismus, eine bei Menschen im Umfeld von Politikern verbreitete Tätigkeit, die als komplett legal gilt. Wussten Sie, dass mehr Lobbyisten einen Zutrittsausweis zu den Gebäuden des Bundestages haben, als gewählte Abgeordnete? (11)

Dass Frau Merkel diesen Kontakt mit dem mächtigen Banker ihrerseits genossen haben muss, sieht man auf dem Foto, das die ZEIT veröffentlichte (s. Fußnote 10). Darauf ist nicht nur Herr Ackermann zu sehen, sondern auch der Verleger Hubert Burda, ein anderer sehr Mächtiger. Im Hintergrund erkennt man Herr Wichmann, den Oberlobbyist der deutschen Autoindustrie. Sicher ist es naheliegend und auch sinnvoll, dass eine Politikerin den Kontakt zu Menschen sucht, die viel bewirken können, auf dem Geldsektor, bei der Presse oder in der Industrie. Wahrscheinlich bildet sich aus diesen Kontakten ein Netzwerk, eine einflussreiche Nebengesellschaft, die ihre Interessen abseits der demokratischen Strukturen durchzusetzen versucht.

Wie kommen aber die zu Wort, die nicht so reich und einflussreich sind, um zu so einem Netzwerk zu gehören? Sollten Politiker die nicht auch hören? Haben sie möglicherweise auch etwas Wichtiges mitzuteilen? Vielleicht sogar Wichtigeres?

Wie der Pflegeschüler Alexander Jorde, der seinen Auftritt bei „Hart aber Fair“ dafür nützte, die Öffentlichkeit – und die natürlich nicht anwesende Kanzlerin – von den eigentlich schon sehr lange, nämlich seit 20 Jahren bekannten Zuständen in deutschen Pflegeheimen zu unterrichten (12): Unter anderem auch davon, dass eine Pflegekraft in einem deutschen Pflegeheim nachts für bis zu 52 Patienten verantwortlich ist. In einem deutschen Krankenhaus wäre die Richtzahl 26, was ich, der ich in meiner Jugend auch mal ein Pflegepraktikum gemacht habe, schon mehr als sportlich, oder besser gesagt, völlig inakzeptabel finde. Stellen Sie sich vor …. ja, stellen Sie sich vor, Sie wären einer von diesen zu Pflegenden!

Wenn Sie sich von dieser Vorstellung erholt haben, können wir uns wieder der Frau Bundeskanzlerin zuwenden. Die hatte im Wahlkampf angekündigt, dieses Problem zur Chefsache zu machen. Hieße das vielleicht, dass sie der Situation in den Pflegeheimen die gleiche Bedeutung beimessen würde, wie den Themen, die sie mit den Nachfolgern von Herrn Ackermann, oder mit Herrn Burda, oder, oder, oder … bespricht? Wenn viele Geldleute dabei wären, würde das der Sache sicher helfen, denn es geht natürlich ums Geld: Wie bei „Hart aber Fair“ auch zur Sprache kam, müsste die deutsche Pflegeversicherung von derzeit 29 Milliarden mehr als verdreifacht werden, um auf den Stand von Finnland zu kommen. Finnland ist etwas ärmer als die BRD, den Finnen liegen aber die Pflegebedürftigen offenbar mehr am Herzen. Das wären dann fast 90 Milliarden. So viel Geld, – aber nur etwas mehr als ein Drittel der für die Bankenrettung aufgewendeten Summe! Die Umsetzung dieser Chefsache ist in der Vergangenheit vielleicht an Herrn Schäuble gescheitert, darüber weiß man nichts, und auch jetzt wird es Frau Merkel in den „Jamaika“-Verhandlungen mit dieser Vorgabe nicht so richtig leicht haben. Während die Bankenrettung ziemlich reibungslos über die Bühne ging.

Geholfen hat sicher, dass Banker irgendwie als seriös gelten: Josef Hermann Abs beriet verschiedene Bundeskanzler, Hilmar Kopper beriet Helmut Kohl und Josef Ackermann sowohl Gerhard Schröder als auch Angela Merkel. Alles zum Wohl der Bundesrepublik?

Fachleute wie Martin Hellwig sind sich da nicht so sicher und fordern zur Vermeidung künftiger Desaster, die Sicherheiten von Banken zu erhöhen. Alles andere wäre angesichts der zu erwartenden nächsten Bankenkrise auch Wahnsinn. Eigentlich.

„… Das setzt jedoch voraus, dass sich Politiker und Behörden auf das öffentliche Interesse konzentrieren und die notwendigen Maßnahmen ergreifen. Das entscheidende Element, das nach wie vor fehlt, ist der politische Wille.“ (13)

Radikaler und frecher ist Joseph Vogl (14). Er schlachtet die heilige Kuh, die alle Angriffe auf die Unternehmensfreiheit der Banken immer wieder abschmettert und macht deutlich, dass Bankenwohl eben keineswegs mit Gemeinwohl gleichzusetzen ist:

„ … Konkurrenzverhalten auf den Finanzmärkten, so viel wenigstens weiß man, führt eben nicht automatisch Gemeinwohl herbei. Ein interessantes Geschäftsmodell ist kein hilfreiches soziales Programm, und gegenwärtige Volkswirtschaften werden ganz direkt mit der Frage konfrontiert bleiben, ob und wie lange sie sich die Finanzierung ihrer kapitalistischen Funktionsideen und Strukturen leisten können …“

Unsere Volkswirtschaft muss sich wohl mal darüber klar werden, welchen Stellenwert die „kapitalistischen Strukturen“ im Vergleich zu anderen Werten, – Schulen und Bildung ganz allgemein, Krankenhäuser, Pflegebedürftige und Gesundheit ganz allgemein, die Polizei und die öffentliche Sicherheit ganz allgemein, für sie haben.

Martin Hellwig meint, es fehle der politische Wille. Warum fehlt der?

  • Weil Sie und ich zu faul sind, uns zu informieren.

Alles steht in der Zeitung und im Internet, – warum lesen Sie nicht?

  • Weil Sie und ich nicht zu den von uns gewählten Politikern gehen und nachfragen. Frau Merkel hat diese Nummer, die bei der Bankenrettung so erfolgreich war, schon wieder gemacht: bei der Transaktionssteuer und bei der Brennelementesteuer! 25 Milliarden auf das Konto der Steuerzahler verschoben! Können Sie nachlesen! Schon wieder! In der Süddeutschen! (15) Und bei der HSH-Nordbank machen die Nordstaaten das Spiel mit den Bad Banks auch schon wieder! Sie hätten die grüne Finanzministerin Frau Heinold vor der letzten Wahl fragen können! Haben Sie nicht? Jetzt macht sie den Job in einer schwarz-gelb-grünen Koalition weiter.
  • Vielleicht auch, weil Sie und ich uns viel zu selten Pflegeheime ansehen und mit unseren gewählten Abgeordneten danach darüber sprechen.

Die konkrete Anwendung der kapitalistischen Spielregeln in der BRD liegt an uns. Denn wir sind eine Demokratie. Was wir nicht wollen, können wir ändern.

Hier gelangen Sie zur Übersicht aller bisher veröffentlichten Kapitel.

Quellen:

  • 1 Statistisches Bundesamt Pressemitteilung Nr.069 vom 21.02.2011
  • 2 Kieler Nachrichten online, Ulf B. Christen vom 5. 2. 2016: Geldspritze für das Uniklinikum
  • 3 NDR.de vom 1. 1. 2017
  • 4 NZZ-online vom 15.09.2017: Wolfgang Bok Die Flüchtlingskosten sind ein deutsches Tabuthema.
  • 5 Sueddeutsche.de vom 8. August 2017: Paul Munzinger, Hat Wanka den Schulen zu viel Geld versprochen?
  • 6 Michael Lewis: The Big Short, Penguin Books, 2010, ISBN 978-0-141-98330-1
  • 7 Zurzeit würde der Staat ja wieder Polizisten einstellen, wenn er es schafft, genügend Anwärter zu bekommen. Man hat mir aber erzählt, wenn in Schleswig-Holstein und Hamburg die gesamte geplante Aufstockung geschafft wäre, hätten wir gerade wieder mal so viele Polizisten wie in 1995 …
  • 8 ZEIT online, 9. Juni 2017 „Deutschland wird zum Nichtschwimmerland“
  • 9 Zeit-online vom 30.10.2017: Lehrerverband fordert Milliarden für Schulen
  • 10 Josef Ackermann im Interview mit Lisa Nienhaus, ZEIT.online vom 4. 10. 2017
  • 11 Das können Sie ruhig mal selber rausfinden!
  • 12 faz.net vom 10. 10. 2017, Hans Hütt: „Der schockierende Alltag in deutschen Pflegeheimen“
  • 13 Anat Admati, Martin Hellwig: Des Bankers neue Kleider, FinanzBuch Verlag, München 2013, ISBN 978-3-89879-825-9
  • 14 Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals, diaphanes, Zürich 2010, ISBN 978-3-03734-2, ebd.
  • 15 süddeutsche.de 11. Juni 2017, Merkels 25- Milliarden-Peinlichkeit
  • Fotos: pexels.com

Geld ist komplex …

und wie alle komplexen Dinge ziemlich schwer zu verstehen. Daher noch eine Annäherung …

22. „Über Geld spricht man nicht.“

Woher meine keineswegs begüterten Eltern diesen Spruch hatten, weiß ich nicht. Aber er scheint fest in den Gehirnen verankert zu sein. Große Geldgeschäfte oder Verträge, in denen Geld eine wichtige Rolle spielt, werden in einer immer transparenter werdenden Gesellschaft nach wie vor undurchsichtig gehalten.

Also reden wir übers Geld.

Foto: Manfred Koschabek

Geld ist eine vielschichtige Angelegenheit. Für den Berufsanfänger, der sein erstes Gehalt bekommt, bedeutet Geld etwas ganz anderes als für den Hartz-IV-Empfänger. Der Künstler, der für die nächste Ausstellung die Euros einzeln zusammenkratzt, erlebt Geld völlig anders als der Investor, der mal eben in ein aussichtsreiches start-up-Projekt ein paar Millionen steckt. Genügend – was ist für wen genug? – Geld erlaubt die Teilhabe am öffentlichen und sozialen Leben,- oder den Kauf der Villa in Blankenese und das dort bekanntlich dringend benötigte SUV.

Und auch der gut verdienende Vorstand eines mittelständischen Unternehmens spielt noch in einer völlig anderen Liga als einer dieser Superreichen wie Paul Singer 1. (Auf den kommen wir noch.)

Mit Geld kann man Menschen beschenken, retten, unheimlich tolle, kreative Sachen machen, aber die gegenwärtige Dominanz der Finanzwirtschaft wird uns alle zugrunde richten, wenn wir uns nicht bald etwas einfallen lassen.

Über Geld ist schon alles Wissenswerte geschrieben worden. Eine kleine Auswahl an Büchern, nach meinem persönlichen Geschmack, in alphabetischer Reihenfolge, alle gut lesbar, auch für Laien:

  • Anat Admati, Martin Hellwig: Des Bankers neue Kleider 2
  • Anthony B. Atkinson: Inequality 3
  • Colin Crouch: Die bezifferte Welt 4
  • Angus Deaton: The Great Escape 5
  • James K. Galbraith: The End of Normal 6
  • John Lanchester: Die Sprache des Geldes – und warum wir sie nicht verstehen sollen 7
  • Michael Lewis: The Big Short 8
  • Sandra Navidi: Superhubs 9
  • Thomas Piketti: Das Kapital im 21. Jahrhundert 10
  • David Stuckler: The Body Economic – Why Austerity Kills 11
  • Christoph Türke: Mehr – Philosophie des Geldes 12
  • Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals 13

Da diese Sammlung sowohl allgemeine kluge Köpfe, als auch ausgewiesene, teilweise mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Finanz- und Wirtschaftsexperten umfasst, können Sie ohne allzu große Bedenken davon ausgehen, dass die darin gemachten Aussagen der Realität entsprechen, dass sie den Ernst der Lage zutreffend beschreiben, oder anders ausgedrückt, dass sie wahr sind. Geld ist ein Problem zu dessen Begrenzung es genügend gute Vorschläge gibt.

Aber: Politiker sind offenbar legasthenisch und Finanzleute aus gutem Grund desinteressiert. Wurde all das vergeblich geschrieben? Sind diese Bücher Feigenblätter für eine hoch attraktive, aber eben auch total unsittliche Realität?

Geld lässt Werte verfallen. Besondere Dinge verlieren oft ihren Wert, wenn sie mit Geld in Berührung kommen. Genau genommen verschiebt sich ihr Wert aus dem Bereich der Besonderheit in den der beliebigen Austauschbarkeit. Dann wird das nicht mehr wertgebundene Geld frei, und einige wenige bekommen mehr davon, sehr viel mehr.

Ich finde Flugzeuge faszinierend!

Wenn ich in Hamburg an der Elbe sitze und plötzlich ein Flieger auftaucht, aus der Weite des Himmels im Sinkflug auf den Flughafen Fuhlsbüttel, der jetzt nach Helmut Schmidt benannt wurde, wenn die Räder ausgefahren werden, und das Geräusch allmählich lauter wird – muss ich jedes Mal hinschauen, obwohl ich schon so viele Flugzeuge habe landen sehen. Irgendwie kann ich wohl immer noch nicht fassen, dass so ein schweres Teil aus Metall überhaupt fliegen kann. Fliegen ist ein Wunder! Auch das Mitfliegen war mal ein besonderes Erlebnis: Die Wolkenlandschaften tief unten, ein Sonnenaufgang, unsere Erde von oben!

Zugegeben, eine sehr romantische Betrachtungsweise. Aber Fliegen ist schon lange ein Teil unseres Alltagslebens geworden. Und es hat sich in den letzten Jahren vollkommen verändert, vorsichtig ausgedrückt.

Sie fliegen viel und gerne, vor allem in den Urlaub? Sie wollen es billig haben? Deshalb nehmen Sie in Kauf, dass der Flieger gerammelt voll ist, dass Beinfreiheit ein unerfüllbarer Traum ist, die Verpflegung grauenvoll und die Stimmung der Flugbegleiter zum Abgewöhnen. (Vieles davon lässt sich ja 1:1 auf die Zustände in den Krankenhäusern übertragen!) Sie meinen, für den Preis sei ja nicht mehr zu erwarten?

Ist das so? Es ist nur die halbe Wahrheit. Der Wunsch nach billigen Flügen, nach billiger Medizin ist nur ein Grund für den Qualitätsverfall! Der viel wichtigere ist, dass billiges Fliegen, billige Medizin immer noch so viel Geld abwirft, dass damit unglaublich viel Geld verdient werden kann. Nicht von den Piloten, dem Bord- oder Bodenpersonal, nicht von den Ärzten und schon gar nicht vom Pflegepersonal, – die alle machen den großen Gewinn nicht.

Wie ich darauf komme? Wenn Sie Zeitung lesen und auch mal ins Internet schauen, werden Sie feststellen, dass es da eine Staffelung gibt: Der Ärztliche Direktor eines bekannten Universitätsklinikums im Norden bekam in 2016 ein fixes Jahresgehalt von rund 460.000 Euro und 180.000 Euro wurden als erfolgsabhängige Provision ausgezahlt 14, trotz eines seit Jahren ziemlich unveränderten Defizits von über 40 Millionen. Das ist ja nicht schlecht, vor allem vor dem Hintergrund, dass an allem anderen wird seit Jahren gespart, gespart, gespart, vor allem am Pflegepersonal.

Ein viel „gesünderes“ Einkommen bekommt der Vorstand der Lufthansa 15: Inklusive Aktienoptionen und Rentenansprüchen kam er 2016 auf 3,5 Millionen Euro – und das trotz der Konkurrenz mit den Billigfliegern und der nervigen Pilotenstreiks. Sein Unternehmen schreibt inzwischen wieder satte Gewinne. Aber werden die an die Flugbegleiter ausgeschüttet oder für größere Sitzabstände verwendet? Nein, ich muss Sie enttäuschen: Das ist eine naive Vorstellung. Sogar der CEO Winkelmann, der Air-Berlin gerade eben in die Pleite führen durfte, bekommt 4,5 Millionen 16, aber von den 8000 Mitarbeitern werden wohl nur 1700 übernommen, das Unternehmen wird zerschlagen, und für die meisten Mitarbeiter wird auf Initiative des alten Konkurrenten Lufthansa ein Betriebsübergang verhindert. Last not least bleiben viele Kunden auf den gelösten Tickets sitzen 17.

Quelle: boerse.de vom 28.10.2017

Ich gebe zu, – angesichts solcher Geschichten könnte man schon über soziale Gerechtigkeit ins Grübeln kommen, zumal in den kontrollierenden Gremien hochrangige Mitglieder von Gewerkschaften oder regierungstragenden Parteien sitzen. Aber glauben Sie mir, die hohen Gehälter von CEOs sind vielleicht peinlich, aber nicht das wirkliche Problem: Das Geld fließt in die Taschen der Aktionäre und Geldgeber. In der Aktienstatistik der Lufthansa war 2017 das beste Jahr seit Beginn der Privatisierung in den 1990ger Jahren. Am 25.10.2017 hatte die Lufthansa ein neues „All-Time-Hoch“ erreicht 18, wie das im Börsen-Jargon heißt.

Interessanterweise werden auch im Gesundheitswesen, dessen Kosten angeblich explodieren 19, die erprobten Mittel aus gewinnbringenden Wirtschaftsunternehmen eingesetzt, um Krankenhäuser zu lukrativen Unternehmen zu machen:

Bei der Lufthansa wird outgesourct, was sich irgendwie outsourcen lässt: Das Bodenpersonal, dessen Freundlichkeit und Effizienz immer noch in der Werbung auftaucht, wird bald überhaupt nicht mehr zur Lufthansa gehören. Das verlorengegangene Gepäck wird durch irgendwelche Unternehmen bearbeitet, die zum Teil in Krakau sitzen, – Frankfurt? Krakau? – mit den entsprechenden Verlängerungen bei der Schadensersatzzahlungen. Das Essen, die Verspätungen, die Gehälter in den Tochtergesellschaften, das Gekeife um die Pilotengehälter, – alles Lufthansa und doch nicht Lufthansa.

Und ebenso machen es die großen Kliniken: Alles auslagern, was ausgelagert billiger ist- von den Reinigungsunternehmen über die Essensbeschaffung bis hin zur lebenswichtigen Sterilisierung der Instrumente, – das Unternehmen wird neu strukturiert und möglichst viel wird outgesourct, weil bei den langjährigen Mitarbeitern die alten, ach so teuren Verträge nicht mehr gelten, wenn sie im outgesourcten Unternehmen arbeiten müssen und man so de facto die vertraglich festgelegten Gehälter kürzen kann, – und so weiter.

Ob mit diesen Methoden im Gesundheitswesen tatsächlich irgendwann höhere Gewinne gemacht werden, ist zumindest bei staatseigenen Häusern nicht so klar. Hier fließt das Geld auch nicht in eine Aktiengesellschaft, sondern in die Staatskasse. Der garantierte Preis ist in Wirtschaftunternehmen wie in Krankenhäusern gleich: der Zerfall der Mitarbeiterstruktur, der Verlust der Mitarbeiterzufriedenheit, – corporate identity gab´s früher mal, der Verfall von Berufsbildern – Chefärzte wie Piloten!

Und die Konsequenz?

  • Abnahme von Qualität und Sicherheit. Ja, auch Sicherheit.
  • Das Risiko, Ihr Risiko nimmt zu, damit mehr Gewinn gemacht werden kann.
  • Fliegen wird weniger sicher, Medizin wird weniger sicher, – und Sie mittendrin? Wollen Sie das? Wirklich?

Heute ist es üblich, das große Gewinnmachen von Seiten der Verantwortlichen und der sie begünstigenden Politiker mit einer Attitude zu betreiben, die der Begriff der Krokodilstränen 20 am besten beschreibt:

Es ist ja so furchtbar,

  • wenn kranke Menschen unwürdig behandelt werden, weil der Medizinbetrieb leider, leider Gewinne abwerfen muss,
  • wenn demnächst einmal – warten Sie es ab! – ein Flieger runterfällt, weil der frustrierte und völlig überarbeitete Pilot nichts mehr auf die Reihe gekriegt hat,
  • wenn Menschen an den Stickoxiden sterben, die unsere wunderbaren Dieselmotoren in leider viel zu großer Menge ausstoßen,
  • wenn irgendwann auch bei uns, und nicht nur im fernen London, Menschen verbrennen, weil sich auch hierzulande die Bauherren die teuren unbrennbaren Dämmmaterialien für Häuserfassaden nicht leisten wollen 21,

aber die kapitalistischen Spielregeln stehen nun mal nicht zur Disposition. Für keine der hierzulande derzeit regierungsbildenden Parteien. So ist das nun mal.

Hier gelangen Sie zur Übersicht aller bisher veröffentlichten Kapitel.

Quellen:

  • 1: Jean Ziegler, Der schmale Grat der Hoffnung, C. Bertelsmann Verlag, München 2017, S.30.
  • 2: Anat Admati, Martin Hellwig: Des Bankers neue Kleider, FinanzBuch Verlag, München 2013, ISBN 978-3-89879-825-9
  • 3: Anthony B. Atkinson: Inequality, Harvard University Press, Cambridge Mass., 2015, ISBN 978-0-674-50476-9
  • 4: Colin Crouch: Die bezifferte Welt, Suhrkamp, Berlin 2015, ISBN 978-3-518-42505-3
  • 5: Angus Deaton, The Great Escape, Princeton University Press, New Jersey, 2013 ISBN 978-0-691-16562-2
  • 6: James K. Galbraith: The End of Normal, Simon & Shuster, New York 2014, ISBN 978- 1-4767-7770-2
  • 7: John Lanchester, Die Sprache des Geldes, und warum wir sie nicht verstehen (sollen). Klett-Cotta, J. G. Cotta´sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart, 2015 ISBN 978-3-608-94899-0
  • 8: Michael Lewis: The Big Short, Penguin Books, 2010, ISBN 978-0-141-98330-1
  • 9: Sandra Navidi: Superhubs, FinanzBuch Verlag, München 2016, ISBN 9778-3-98979-959-1
  • 10: Thomas Piketti: Das Kapital im 21. Jahrhundert, CH Beck, München 2014, ISBN978-3-406-68865-2
  • 11: David Stuckler: The Body Economic – Why Austerity Kills, Basic Books, Philadelphia 2013, ISBN 978-0-465-06398-7
  • 12: Christoph Türke: Mehr – Philosophie des Geldes, CH Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-67457-0
  • 13: Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals, diaphanes, Zürich 2010, ISBN 978-3-03734-2
  • 14: Kieler Nachrichten vom 10. 8. 2016
  • 15: SPIEGEL ONLINE vom 28. 4. 2016
  • 16: rtlnext.rtl.de vom 19.10.2017
  • 17: Das Aus, SZ Nr. 248, vom Freitag, den 27. Oktober 2017
  • 18: börse.de vom 28. 10. 2017: Lufthansa-Aktie
  • 19 Krankes System mit Knalleffekt von Sven Böll, Spiegel online vom 8. 10. 2009
  • 20: „Krokodilstränen vergießen“ ist eine Redensart, die eine geheuchelte Zurschaustellung von Trauer, Betroffenheit oder Mitgefühl zum Ausdruck bringen will. https://de.wikipedia.org/wiki/Krokodilstränen
  • 21: „Die beste Feuerwehr der Welt ist da machtlos“, Experte Reinhard Ries über den Schutz vor Hochhausbränden, im Interview mit Felicitas Kock, SZ Nr. 137, Freitag, 16. Juni 2017, S. 9

Glück durch Arbeit?

Ist Glück etwas, das ich „bekomme“ und dann „habe“? Die Umgangssprache scheint Letzteres zu unterstellen. Oder entsteht Glück aus dem, was ich tue? Auffällig selten wird Glück im Zusammenhang mit den Realitäten des Berufslebens genannt. Wenn unser Glück aber vor dem Ruhestand eine Chance auf Realisierung haben soll, muss es auch in unserer Arbeit vorkommen. Die wir – zumindest in den mitteleuropäischen Zivilisationen – selber gestalten können. Könnten!

21. Gibt es geldfreies Glück?

Happiness, in fact, is a condition that must be prepared for, cultivated, and defended privately by each person. (1)”

Spannend, diese Glücks-Definition des Mannes mit dem unaussprechlichen Namen – Mihaly Csikszentmihalyi! Sie müssen etwas tun, damit Sie Glück empfinden können. Zunächst mal allein, denn Glück ist eine Angelegenheit nur von Ihnen, diesem einzigartigen Menschen. Einzigartig – Sie erinnern sich?

Csikszentmihalyi nimmt an, dass Glück dann entstehen kann, wenn ein Individuum ganz und gar in einer Tätigkeit – handwerklich, sportlich, sozial, oder auch kreativ, künstlerisch – aufgeht und alles andere ausblendet. Dann kommt eine/r in den flow. Flow ist eine Glückform, die nachhaltig und stark ist. Wenn Sie im flow handeln, sind Sie mit sich ganz und gar im Reinen. Ihr Tun wird möglicherweise auch Andere beeindrucken, ob sie nun verstehen, was da mit Ihnen passiert oder nicht! Es ist aber ganz und gar Ihr Flow!

Dieses Verständnis von Glück ist an Ihre Einzigartigkeit gebunden. Nur wenn Sie auf das fokussieren, was Sie tun, wenn Sie ganz in dieser Tätigkeit aufgehen, schaffen Sie die Voraussetzungen, um Glück im flow zu empfinden. Der Zweck, das „Warum“ interessiert dabei nicht. Auch nicht das Geld, was damit vielleicht verdient werden kann.

Foto: Manfred Koschabek

The pursuit of happiness im Sinn von Csikszentmihalyi hat etwas mit Glück durch Selbstverwirklichung zu tun, – im Gegensatz zur Glückssuche durch Raffen von immer mehr Geld. Zunächst ist das Ihre ganz persönliche Angelegenheit: wenn Sie im Tiefschneefahren, Kitesurfen, in Ihrer Geige oder in einer Yogameditation „versinken“. Übrigens können Sie diesen Zustand auch als operierender Arzt, als Psychotherapeut, oder in der Pflege eines kranken Anderen erreichen. Wahrscheinlich auch in anderen Tätigkeiten, die ich nicht kenne.

Aber der Knackpunkt in der heutigen Arbeitssituation ist, dass dieser kreative Prozess „… must be defended.!” Verteidigt? Schon, denn dieser Entstehungsprozess des flow aus dem Fühlen und Handeln des Einzelnen weiß nichts von gesellschaftlichen Realitäten und Vorschriften. Obwohl das, was der Einzelne im flow generiert, eigentlich ein Geschenk für ihn und andere sein könnte, gerät es schnell in ein Spannungsverhältnis zur Norm. Von den Voraussetzungen ganz zu schweigen: Viele Arbeitsbedingungen sind so gestaltet, dass der Einzelne gar keine Chance hat, zu sich selbst zu kommen.

Also: Kampf, Verteidigung, wenn Sie sich etwas wert sind! Ihre Werte gegen das verteidigen, was sich als Norm breit gemacht hat, auch wenn es völlig unsinnig ist. Ob es zur Weiterentwicklung oder zum Bruch kommt, hängt von Ihrem Lebensentwurf und Ihrer Bereitschaft ab, sich für sich einzusetzen.

Die Grenze, wohin individuelle Kreativität nicht gehen soll, zieht Daniel Schreiber: „Wir sind nicht dafür geschaffen, Dinge zu tun, die wir tief in unserem Inneren nicht tun wollen.“ (2)

Was soll das denn heißen? Jobs danach auswählen, ob sie Ihrer inneren Einstellung entsprechen? In den heutigen, durch Globalisierung und nun auch noch Digitalisierung immer härter werdenden Arbeitswelt hat der Einzelne doch gar keine Wahl! Muss man nicht Jobs annehmen, einzig und allein um Geld zu verdienen? Deren Mangel an Wertschätzung und persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten Sie zermürbt und Sie folgerichtig in Resignation, Burnout und Alkoholismus treibt?

Genau das meint Schreiber, denn damit hat er so verstörenden Erfahrungen gemacht, dass er einen Punkt gesetzt und sein Leben radikal umgestellt hat. Er hat auf den Alkohol verzichtet. Ganz.interessante Frage: Wie viele Menschen könnten ihren Job nicht mehr machen, wenn sie sich abends nicht mehr oder weniger betrinken würden? Es geht also darum, sein zu lassen, was Sie kaputt macht.

Esoterisches Geschwafel?

Das ist Ihre Entscheidung. Vielleicht erscheint die individuelle Bewertung, was menschengerechte Arbeit sei, gerade in diesem wohlhabenden Land besonders schwer, weil es eben nicht attraktiv ist, Besitzstände auf den Prüfstand zu stellen. Und wenn es nur Besitzstände einer unguten, unsicheren, entfremdeten Arbeit sind. Verblüffender Weise scheint es aber unter Bedingungen zu gehen, gegen die die deutsche Arbeitsprozesse ziemlich beschaulich sind: in „Chinakinder“ wird beschrieben, dass junge Chinesen aussteigen, selbst nach Antworten suchen (3). In China!

Wie ist es hierzulande wirklich? Täglich können Sie lesen, dass qualifizierte Arbeitskräfte dringend gesucht werden (4)! Teilweise verzweifelt gesucht. Das bedeutet, dass sich grundlegend etwas ändern muss. Der gegenwärtige Arbeitsmarkt, der „vorgibt“, „erwartet“ und „fordert“, ist eben nur der Markt der Gesundheits-Unternehmer, die immer noch nicht kapiert haben, worum es geht.

Am deutlichsten wird das zur Zeit ausgerechnet in einem Berufsbereich, dessen bisherige bundesrepublikanische Realität mit flow und Selbstverwirklichung nicht so sehr viel zu tun hatte, den Pflegeberufen. Da sind so viele ausgestiegen, in andere Berufe oder auch in die Arbeitslosigkeit gegangen, weil sie nicht mehr verantworten oder ertragen konnten, wie sie arbeiten sollten. Und jetzt suchen die großen Anbieter völlig hektisch nach neuen Arbeitskräften. Sie bieten „Kopfprämien“ statt adäquater Arbeitsbedingungen und akzeptabler Bezahlung (5). Abgesehen davon, dass „Kopfprämien“ mehr an tote Indianer als an Pflegekräfte denken lassen, bedienen geldgesteuerte Unternehmen alle Vorurteile, wenn sie auch dann nur an Geld denken, wenn es eigentlich um die Behebung von indiskutablen Arbeitsstrukturen geht.

Foto: Manfred Koschabek

Dass gerade die Pflege das Potential für Selbstverwirklichung und flow hätte, dass man sie ehrlicher Weise nur dann „gut“ nennen kann, wenn sie beiden, den Kranken, den Dementen und den Pflegenden gerecht wird, beschreibt Arnold Geiger am Beispiel seines demenzkranken Vaters, dem „alten König in seinem Exil“. (6) Da gibt es diese wunderbare Betreuerin Daniela, von der er schreibt: „Die beiden harmonisierten in einem Ausmaß, das einen vor Verwunderung den Kopf schütteln ließ.“ (S. 120)

Also: Pflegekräfte werden dringend gesucht. Was bedeutet das? Wer gesucht wird, ist wertvoll und hat nach den Gesetzen des Marktes die Wahl. Das könnte eine sehr komfortable Situation sein! Das sollten Sie begreifen: Sie sind gefragt und haben die Chance zu verhandeln, was für Sie passt und was gar nicht geht. Und wenn Sie schlau sind, dann befreien Sie sich aus dieser geldlastigen Denke und verhandeln nicht nur übers Gehalt, sondern über Inhalte! Über eine Tätigkeit, eben mehr als ein Job, die Ihnen wirklich entspricht, die Ihnen die Chance gibt, Ihre Fähigkeiten einzubringen und so zu arbeiten, dass Sie sich gut fühlen.

Was ist zu tun?

Finden Sie mal heraus, was Sie wollen. Tauschen Sie sich mit anderen aus, die im gleichen Beruf und in der gleichen Situation sind. Sprechen Sie aus, wie Sie arbeiten wollen, wie Sie Ihre Neigungen und Fähigkeiten in den Arbeitsprofilen realisieren wollen. Wer Sie als qualifizierten Mitarbeiter sucht, muss Ihnen entgegenkommen, oder er wird Sie nicht bekommen. Es kommt wirklich darauf an, dass Sie sich zu Wort melden. Denn nur dann werden Sie in Ihrer Kompetenz und Qualifikation sichtbar. Realisierbar ist nur, was zuvor in den öffentlichen Diskurs eingebracht wird (7). Wenn Sie diesen Diskurs denen überlassen, die wie üblich nur an der Vermehrung des Geldes interessiert sind, wird alles weiter schlechter werden, – von der Medizin bis zu den Schulen, von den Universitäten bis zur Polizei. In diesen  – und noch viel mehr – für das Wohlergehen unserer Gesellschaft wichtigen Bereichen geht es heute nur ums Geld. Deswegen verkommen sie, niemand findet in ihnen Spaß an Arbeit, vom flow ganz zu schweigen.

Übrigens: Auch Mediziner werden gesucht. Was bedeutet das? Mediziner haben die Chance, nicht nur über Bezahlung und Arbeitszeiten, sondern über die, in vielen großen Krankenhäusern schlicht indiskutablen Arbeitsbedingungen zu reden. Und sie zu ändern. Allerdings braucht es dazu etwas Solidarität.

Damit Ihre Selbstverwirklichung eine Chance bekommt, existenzfähig zu werden, müssen erst Sie selbst Ihre ganz persönliche Gegenposition zum Geld formulieren und diese Position dann in Ihr persönliches Handeln umsetzen: „Wishing things away is not effective“ steht auf einem Transparent in Peter Lindberghs wunderbarem Foto von Milla Jovovich … (8) Wenn Sie aussprechen, wofür Sie brennen – brennen Sie für etwas? – machen Sie es erst zum Thema und dann zur Wirklichkeit. Und dann können Sie es durchsetzen! Dann, aber auch erst dann, kann Arbeit wieder befriedigend werden.

Hier gelangen Sie zur Übersicht aller bisher veröffentlichten Kapitel.

Quellen:

  1. Mihaly Csikszentmihalyi: Flow, the psychology of optimal experience, Harper perennial – modern classics, New York 1990, ISBN 978-0-06-016253-5
  2. Daniel Schreiber, Nüchtern, Suhrkamp Taschenbuch 4671, 2016, ISBN 978-3-518-46671-1
  3. Chinakinder – Moderne Rebellen in einer alten Welt. Jörg Endriss und Sonja Maaß. Conbook Medien 2017, besprochen von Sonja Maaß in Spiegel online, 17. 10. 2017.
  4. XING am 10.05.2017: Zahl der offenen Stellen in Deutschland so hoch wie nie zuvor
  5. Universitätsklinikum Kiel: Kopfprämie für Pflegekräfte und Hebammen. Heike Stüben in kn-online vom 19.08. 2017, Bremen zahlt Kopfprämien für Pflegekräfte. Sabine Doll in weser-kurier.de vom 20.04.2017, 4.000 Euro Kopfprämie für Pflegekräfte aus dem Ausland, lokalo24.de vom 14.04.2017.
  6. Arnold Geiger, Der alte König in seinem Exil, 2011 Hanser Verlag München, ISBN 978-3-446-23634-9
  7. Elisabeth Wehling, Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Edition medienpraxis 14, Köln: Halem, 2016, ISBN 978-3-86962-208-8
  8. Peter Lindbergh, A Different Vision of Fashion Photography, Taschen GmbH, Köln 2017 edited by Thierry-Maxime Loriot, ISBN 978-3-8365-5282-0, S. 179

Die Wurzel allen Übels

Geld hat uns im Griff. Als Einzelne und als Gesellschaft. Viel mehr, als sich die am Geld Interessierten eingestehen wollen. Um zu verstehen, wie das Geld unser Leben bestimmt, lohnt es sich, bei uns selbst anzufangen.

20. Macht Geld glücklich?

Shoppen ist toll! Neulich hatte ich vergessen, dass verkaufsoffener Sonntag war. Als ich mit meinem Hund spazieren ging, wurde ich plötzlich von Menschentrauben zur Seite geschoben, weil ich zufällig auf eine Straße mit vielen unerwartet offenen Geschäften geraten war. Die Möglichkeit, an einem freien Tag einkaufen zu können, scheint enorm verlockend zu sein. So verlockend und anscheinend auch befriedigend, dass Sie sich sogar an einem Sonntag, an dem Sie faul sein könnten, ans Meer fahren oder einfach nur lesen, den Sie mit Ihrer Liebsten im Bett zubringen könnten, lieber durch volle Geschäfte drängen, um dann prall volle Einkauftüten nach Hause zu schleppen.

Foto: Manfred Koschabek

Der sogenannte Einzelhandel, der inzwischen in der Mehrzahl aus Ketten besteht, deren Läden Sie in fast jeder Stadt finden, begrüßt diese Sonntage, denn Sie lassen dann Ihr Geld bei ihm. Die Internetversion, bei der Sie über Zalando, Amazon etc. immer, zu jeder Tages- und Nachtzeit shoppen können, zeigt unglaubliche Zuwächse. Warum sind Sie so versessen darauf, Ihr Geld auszugeben?

Es scheint für sehr viele ein wesentlicher Aspekt des Geldes zu sein, sich Dinge kaufen zu können, die sie irgendwie befriedigen. Ich persönlich halte Einkaufen eher für ein notwendiges Übel, aber die Frage ist schon interessant: Was passiert beim Shoppen? Kaufen Sie sich Glück?

Glück! Du meine Güte! Ist das nicht etwas hoch gehängt? Heutzutage ist es doch schon ganz nett, sein Auskommen und regelmäßig ein bisschen Spaß zu haben.

Da gibt es nun diesen Text, der schon fast 250 Jahre alt ist: „We hold these truths to be sacred & undeniable; that all men are created equal & independent, that from that equal creation they derive rights inherent & inalienable, among which are the preservation of life, & liberty, & the pursuit of happiness.“ (1)

Sie sind also mit angeborenen und nicht zu veräußernden Rechten ausgestattet. Dazu gehört nicht nur das Recht auf Leben und Freiheit, sondern auch das Recht, Ihrem persönlichen Glück nachzugehen. Persönlich, individuell, einzigartig. Passt ja irgendwie zum Thema Einzigartigkeit. Da diese berühmten Sätze nicht ausformulieren, was mit „happiness“ gemeint ist, bekommen Sie erst mal die Freiheit, das einzusetzen, was Ihnen wichtig ist. Wollen Sie tatsächlich „Geld“ einsetzen? Macht Geld glücklich?

In der Literatur und im Internet hat das Glück einen ziemlichen Boom hinter sich. Es wird allerdings in unterschiedlichen Ländern und sozialen Schichten sehr unterschiedlich definiert (2).

Foto: Manfred Koschabek

Die Forschungsgruppe des Schweizer Wirtschaftswirtschaftlers Bruno Frey hat sich mit dem Zusammenhang von verdientem Geld und Glück beschäftigt und herausgefunden, dass Menschen mit höherem Einkommen ihr subjektives Wohlbefinden tatsächlich höher bewerten als Ärmere (3). Für diese Erkenntnis hätten Sie wahrscheinlich keine wissenschaftliche Studie gebraucht. Aber ganz so trivial ist das nicht.

Was dann folgt, beschreibt Angus Deaton, der 2015 das Wirtschafts-Analog zum Nobelpreis bekam, im internationalen Vergleich (4): “…Poverty generates misery, but beyond a certain point (about $ 70.000 a year), additional money does nothing to improve happiness, even though those with more money report that they have better lives…”

Wenn Sie Ihr Einkommen vermehren können, vermittelt Ihnen das ein Hochgefühl, aber nur so lange, bis Sie etwas mehr als den Gleichstand mit Ihrer Peergruppe erreicht haben, also mit den Leuten, auf deren Meinung Sie etwas geben, mit denen Sie zusammen arbeiten, in deren Gegend Sie wohnen, mit denen Sie grillen und Ihr Feierabendbier trinken, oder vielleicht auch Fußball spielen. Viel mehr Geld zu haben als die, wäre sicher nett, wird aber nicht mehr als Glück erlebt. Geld macht also nur bedingt glücklich.

Andererseits macht das Fehlen von Geld, also Armut, sehr unglücklich. Nur den wenigsten, außer den unmittelbar Betroffenen dürfte bewusst sein, was es bedeutet, kein Geld zu haben. Armut ist in körperlicher und seelischer Hinsicht von Unglück nicht zu trennen. Der Bochumer Psychologe Jürgen Margraf, ein international renommierter Angstforscher, befragte Menschen aus der sozialen Unterschicht nach ihren Befindlichkeiten und ihrer Lebenseinstellung (5):

  • Tägliche Aktivitäten sind Quelle von Schmerz und Langeweile 17, 6%
  • Künftiges Leben ist ohne Sinn und Zweck 19,7%
  • Als Person nicht viel wert 20,6%
  • Starke Spannungen mit nahestehenden Personen 22,1%
  • Tägliches Leben hat wenig Sinn 32,7%
  • Harte Arbeit lohnt sich nicht 34,2%
  • Leben lohnt sich nicht 38,1%
  • Interesse an allem verloren 36%
  • Finanziell belastet 42,3%
  • Fühle mich als trauriger Verlierer 44,8%
  • Nie Sport 44,6%
  • Überhaupt keine positiven Gefühle 60,1%
  • Wichtige Lebensbereiche (Arbeit, Freizeit, Familie) unkontrollierbar 82,4%

Was für ein Elend!

Foto: Manfred Koschabek

Versuchen Sie mal, sich empathisch in einen Menschen hineinzuversetzen, der solche Aussagen macht, und das vor allem in dieser Menge und Kombination. Dieses Ausmaß an Unglück ist so unfassbar, dass es schon fast schwerfällt, Mitgefühl zu empfinden. Möglicherweise haben die Armen auch deshalb so gar keine Lobby!

Als Psychiater würde ich sagen, dass solche Antworten einer schweren Depression entsprechen, was mit der bekannten Beobachtung korrespondiert, dass Depressionen und Armut eng verbunden sind. Und da Depressionen ein Bedingungsfaktor schwerer körperlicher Krankheiten, wie Herz-Kreislaufkrankheiten oder Diabetes sind, wirkt sich Armut nicht nur auf die Seele, sondern auch katastrophal auf den Körper aus (6).

Angus Deaton (7) sagt es so: “…The reality of poverty … is about not having enough to participate fully in society, about families and their children not being able to live decent lives alongside neighbours and friends. … in a world in which general living standards are rising, an absolute poverty line means that those who are poor are drifting further and further below the mainstream of society.

Armut haben in unserem wohlhabenden Land nur wenige im Fokus. Darum wird leicht übersehen, dass es wohl nicht nur um die „…absolute poverty line…” geht. Sondern für unser Lebensgefühl und unser Wohlbefinden spielt bereits die Befürchtung, wir könnten uns dieser Linie auch nur nähern, eine entscheidende Rolle. Wenn wir unser Einkommen nicht kontrollieren können, wenn nicht sicher ist, dass wir in zwei Jahren diesen Job noch haben, wenn unsere Konten bei unserer Bank, aber auch bei Amazon oder Zalando ins Minus rutschen könnten, und wir das kleine Glück des Shoppens verlören, – dann hört der Spaß auf. Dann beginnt das Unglück.

Armut zuzulassen und nicht aktiv zu bekämpfen, ist aber nicht nur eine Frage von fehlendem Mitgefühl und nicht vorhandener Humanität, sondern wir schaden uns selbst. Denn auch Menschen, die in Armut leben müssen, sind einzigartig und tragen ein hohes Potential an Ressourcen in sich, die unserer Gesellschaft zugutekommen könnten. Wir werden die Folgen zu tragen haben, wenn wir dieses Potential im grauen Schleim der Depression ersticken lassen.

Foto: Manfred Koschabek

Geldmangel trägt also dramatisch zum Unglück bei. Andererseits macht Geld auch nur bedingt glücklich. Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen. Denn angesichts des enormen Stellenwerts, der dem Gewinn von Geld heute auf Kosten fast aller anderer Lebensbereiche beigemessen wird, – wir kommen noch darauf, – frage ich mich schon, ob unsere ausschließlich am Geld interessierten Zeitgenossen, noch ganz gesund und nicht vielmehr ziemlich verrückt sind. Ja, ich bin Psychiater und ja, ich weiß, was das umgangssprachliche „verrückt“ im Sinne seelischer Störungen bedeutet. Gerade deshalb weiß ich aber auch, dass selbst ein mit dem Alltag kämpfender Schizophrener, ein sich selbst hoffnungslos überschätzender Maniker oder ein selbstzerstörerischer Depressiver niemals so katastrophal mit ihrem Leben und dem anderer umgehen würden, wie die an Spekulation und Geldvermehrung interessierten, ach so seriösen Banker, Spekulanten und – last not least – Politiker!

Hier gelangen Sie zur Übersicht aller bisher veröffentlichten Kapitel.

Quellen:

  1. de.wikipedia.org: Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika
  2. Leo Bormans: Glück. The World Book of Happiness. Dumont Buchverlag Köln 2012, ISBN 978-3-8321-9357-7
  3. Bruno S. Frey&Alois Stutzer: Happiness and economics. How the economy and institutions affect well-being. Princeton University Press, Princeton (N.J.) 2002, ISBN 0-691-06997-2
  4. Angus Deaton, The Great Escape, Princeton University Press, New Jersey, 2013, ISBN 978-0-691-16562-2
  5. Jürgen Margraf et al: in Vorbereitung (Die Prozentangaben beziehen sich auf die Zahl der Menschen, für die die jeweiligen Antworten zutreffen)
  6. David Stuckler: The Body Economic – Why Austerity Kills, Basic Books, Philadelphia 2013, ISBN 978-0-465-06398-7
  7. Angus Deaton, s. fn 4

Das Elend der Ärzte

In der Mitte dieses Spannungsfeldes, das einerseits durch die Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen und andererseits die Versuche entsteht, möglichst viel Geld aus der Behandlung dieser Einzigartigen herauszupressen, stehen die Ärzte.

Ich will Ihnen nichts vormachen: Im Vergleich zu vielen anderen Lebensbedingungen ist der Arztberuf heute immer noch ziemlich privilegiert und komfortabel. Kein Anlass zum Jaulen. Der Begriff Elend ist unpassend.

Im Nachbarland Polen sind die Ärzte gerade in den Hungerstreik gegangen (1). Fachärzte verdienen im Monat bis 700 Euro, müssen Doppel- und Dreifachschichten machen, einige sind schon gestorben.

Sie meinen, dass Polen eben ein armes Land im Osten sei, nicht vergleichbar mit der BRD? Polen gehört zur EU! Wie übrigens auch Griechenland, wo das Gesundheitssystem ebenfalls ein Elend ist. In unserem Wirtschafts- und Währungssystem, in unserem Nachbarland wird die Medizin für ein vernachlässigbares Übel gehalten, anders kann man das nicht ausdrücken. Das sollte Sie vielleicht nachdenklich machen.

Die Zeichen der Veränderung zum Schlechten sind auch bei uns unübersehbar. Zum sehr viel Schlechteren. Und die Leidtragenden sind diejenigen, die eigentlich im Zentrum des Gesundheitswesens stehen sollten, die Patienten, die nicht nur in Polen oft monatelang auf einen Termin warten.

Absurd erscheint an dieser Situation, dass diese Veränderung zum Schlechten in unserem wohlhabenden Land überhaupt nicht nötig wäre, wenn wir uns klar machen würden, dass nicht alle Lebensbereiche nach den Prinzipien der Gewinnmaximierung funktionieren.

18. Das Image der Mediziner

Copyright: Inger Kristina Wegener

Ärzte haben heute ein schillerndes Image. Da gibt es – immer noch – die Heroen der Medizin, die unter schwierigsten Bedingungen Wunder vollbringen und Leben retten (2), aber es gibt auch die anderen, die bei großen Skandalen vorverurteilt werden, lange, bevor irgendein Gericht Recht gesprochen hat.

Ist der Wandel der Medizin aus einem humanitären in ein finanzielles Unternehmen auch den Medizinern zuzuschreiben? Warum sollten ausgerechnet Ärzte der Faszination des Geldes seltener erliegen, als der Rest der Menschheit? Und die Gehälter sollen ja auch so ansehnlich sein, dass sie für Sozialneid eine Menge Platz lassen.

Wenn man die ärztlichen Einkommen auf die lange und nicht einfache Ausbildung bezieht, relativieren sich solche Fragen ziemlich:

  • Schon während der Schulzeit müssen Sie in den letzten 2 Schuljahren Spitzenleistungen vollbringen, sonst haben Sie beim Numerus clausus keine Chance.
  • Dann folgt ein ziemlich verschultes Studium, ohne viel Spielraum für anderes, 6 Jahre, am Schluss ein Examen, für das Sie durchaus pauken müssen.
  • Um Facharzt zu werden, und alles andere macht keinen Sinn, müssen Sie ca. 6 Jahre an einer Klinik arbeiten, mit viel Verantwortung und jeder Menge Nachtdiensten, bis Sie sich mit ca. 30 wieder prüfen lassen müssen.
  • Und für die Spezialisierung einschließlich Habilitation und Chefarztbefähigung brauchen Sie dann nochmals einige Jahre. Letzteres ist unverzichtbar, denn moderne Medizin beruht auf Spezialisierung.

Menschen, die Ärztinnen und Ärzte werden wollen, nehmen also lange Ausbildungszeiten und damit lange Abhängigkeiten in Kauf. Bis vor einigen Jahren störte das nicht, weil am Ende der Plackerei nicht nur ein sehr akzeptables Gehalt, sondern auch die Chance auf eine Leitungsfunktion stand, in der man Verantwortung ausüben und Medizin gestalten konnte.

In den letzten Jahren scheint sich auf dem Weg zwischen Staatsexamen und Chefarzt aber Gravierendes zu ändern: Die Neigung, Verantwortung zu übernehmen, wird immer weniger. Ein Kollege erzählte mir, dass in seiner Klinik die Fachärzte kaum noch Interesse an einer Chefarztposition hätten. Wissenschaftlich arbeiten wollten sowieso nur noch die ganz idealistischen, die von den anderen oft als Freaks abgetan würden. Er habe den Eindruck, dass seine Mannschaft sehr genau beobachte, wie es heute an der Spitze von Abteilungen zugehe. Das wollten sich die meisten nicht geben. Nachvollziehbar.

In meinem nicht-operativen Fach bestand ein neu einzustellender Kollege darauf, zu Beginn seiner Facharztzeit statt 100% nur 70% zu arbeiten. Die Stelle bekam er natürlich, denn Ärzte sind kostbar. Meinem vorsichtigen Einwand, dass die 70% mit der Karriere womöglich schwer zu vereinbaren sein würden, begegnete er mit dem sehr klaren Statement, an einer Karriere zum Ober- oder Chefarzt sei er nicht interessiert.

Der Herzchirurg Ingo Kaczmarek, der eine leitende Funktion an der LMU München innehatte, warf unter anderem wegen der Unerträglichkeiten des Anreizsystems das Handtuch, verließ eine angesehene akademische Position mit Zukunftsperspektiven, um Landarzt in der Schweiz zu werden (3)!

Warum studieren junge, begabte Menschen dann noch Medizin?

Copyright: Inger Kristina Wegener

Die Einstiegszahl in das Medizinstudium ist seit langem unverändert. Offenbar faszinieren die Mischung aus Heilen und Naturwissenschaften, das Interesse am Menschen und die Aussicht auf einen krisensicheren Job immer noch viele Einserabiturienten. Ins Grübeln kommen die KollegInnen offensichtlich nach dem Studium.

Was verdienen Ärzte?

Beim Oberarzt für Chirurgie, im Alter von 42 Jahren, einer wöchentlichen Arbeitszeit von 70.0 Stunden beträgt das Gehalt 117.000,00 € brutto pro Jahr. Ein Assistenzarzt bekommt ein Drittel weniger (4). Ohne Zweifel ordentlich, aber nicht exorbitant. Das Problem bei Gehältern dieser Größenordnung liegt woanders: sie sind eine Versuchung für die Finanzverwalter, Stellen nicht zu besetzen. Zehn nicht besetzte Arztstellen ergäben zwischen 600.000 € und über einer Million Euro Gewinn, sehr vorsichtig gerechnet. Dafür kann man doch schon mal einen Ärztemangel am eigenen Haus tolerieren. Man kann behaupten, es gäbe keine geeigneten Bewerber und eine Klinik mit Minderbesetzung betreiben. Das funktioniert ziemlich reibungslos.

Aber wenn Sie als Krankenhausträger auf diese Weise Geld aus dem Medizinbetrieb herausziehen, weil Sie damit lieber an der Börse spekulieren, Schulden bezahlen, investieren, oder Ihr Ansehen bei den Politikern vermehren, vermindern sie die medizinische Kernzeit für die noch vorhandenen Ärzte. Damit meine ich die Zeit für die eigentlichen medizinischen Aufgaben, ohne Dokumentation, ohne Budgetkonferenzen, die Zeit mit dem Patienten.

Das hat weitreichende Konsequenzen:

  • Zum einen kommen die Ärzte unter Zeitdruck, wenn sie das tun, was die eigentliche ärztliche Tätigkeit ausmacht, nämlich die besondere Situation eines kranken Menschen, die Einzigartigkeit eben dieses Patienten herauszufinden und individuelle Behandlungswege zu finden. Das erhöht den Stress auch für versierte Spezialisten; denn sie müssen die von ihnen erwarteten Ergebnisse in immer kürzerer Zeit erbringen. Wer das bezweifelt, soll sich doch mal als Kassenpatient in eine der von Großkonzernen, Asklepios, Helios, etc. betriebenen Kliniken einweisen lassen.
  • Zum anderen sinkt ihre Klinik in der Attraktivität für stellensuchende Mediziner; dann können die Stellen auch dann nicht mehr besetzt werden, wenn es nötig wäre, um Stationen nicht schließen zu müssen. Unterbesetzung beeinflusst den individuellen Marktwert einer Klinik negativ.

Druck in der alltäglichen Arbeit ist das eine strukturelle Problem der Ärzte. Das andere ist der Verlust eines wesentlichen Ziels medizinischer Karrieren: selbstständig und in eigener Verantwortung das anzuwenden, was Ärzte in den langen Jahren von Studium und Ausbildung gelernt haben. Bei einer internen Befragung von Fachärzten wurde der selbstständigen Arbeit der höchste Wert zugeschrieben, noch vor dem Gehalt. Der Zwang, sich in allen Entscheidungen an den Vorgaben der betriebswirtschaftlichen oder ärztlichen Verwalter auszurichten, bis in die Details der Patientenbehandlung hinein, macht ausgerechnet die Attraktivität zunichte, die klinische Leitungspositionen einmal hatten.

So wird die Arbeit für Mediziner immer unattraktiver, wenn der finanzielle Gewinn des Krankenhauses zum Hauptkriterium medizinischer Tätigkeit wird. Diejenigen, die eine Wahl haben, gehen und überlassen das Feld weniger qualifizierten Kollegen, die trotzdem dem gleichen Druck standhalten müssen. In dieser Situation liegt leider nicht nur der Hund begraben.

Sie mögen sich jetzt fragen, ob es für die medizinische Versorgung so ein Drama ist, wenn es bald kaum noch unabhängige, engagierte Chefärzte gibt? Medizin können doch viele. Die Perspektive ist ziemlich einfach: Das Niveau wird sinken, denn diese Personen verdienten in der Vergangenheit ja nicht nur ordentlich, sondern gaben die Standards in der Forschung und der Ausbildung der jüngeren Kollegen vor. Ohne diese Vorgaben wird die Medizin eben schlechter werden. Wen trifft das? Genau!

19. Des Dramas zweiter Teil: Die Medizin der niedergelassenen Ärzte

Die ambulante medizinische Versorgung der Bevölkerung wird von den niedergelassenen Ärzten gemacht. Wenn Sie als Mediziner in erster Linie mit Patienten arbeiten wollten und sich weniger für Wissenschaft oder Hochschulkarriere interessierten, war die Niederlassung der Königsweg. Viel zu tun, keine geregelten Zeiten, aber eigenständiges Arbeiten, auf die Dauer ein solides Einkommen der gehobenen Klasse, ein meist gutes Verhältnis zu den Patienten, die wussten, dass ihnen auch zu unbequemen Zeiten geholfen wurde. Diese Ärzte machten ja auch noch Hausbesuche. – wenn ich das schreibe, klingt es wie eine Sage aus längst vergangenen Zeiten! 

Eine Voraussetzung war, dass Sie in der Assistenzarztzeit über die reichlich vorhandenen Dienste und Überstunden genügend Geld verdient hatten, um eine vernünftige Grundlage für einen Praxiskredit zu haben. Das geht heute nur noch in den Fällen, in denen die Eltern einem viel Geld mitgeben, denn der im Arbeitszeitgesetz vorgeschriebene Freizeitausgleich verhindert bezahlte Überstunden weitgehend.

Die andere, noch wichtigere Voraussetzung war, dass Sie sich soweit auf Ihr Einkommen verlassen konnten, dass ein Kredit nicht zum Glückspiel wurde. Notfalls konnten niedergelassene Ärzte, wie alle Selbstständigen, auch mal mehr arbeiten, wenn es mit der Rückzahlung des Kredits eng war. Das geht heute nicht mehr, denn die Budgets sind gedeckelt, was bedeutet, dass niedergelassene Ärzte ihr Einkommen nicht mehr steigern können, auch wenn sie mehr arbeiten. Diese Einschränkung der Verdienstmöglichkeiten macht jeden Kredit riskant. Ärzte tragen mit dem Betrieb ihrer Praxen und den Beschäftigungsverhältnissen ihrer Mitarbeiter das volle Risiko aller Selbstständigen, haben aber keine Möglichkeit, auf Krisen zu reagieren. Außerdem hat sich das Gehaltsgefüge geändert: Da die meisten Ärzte von der Kassenmedizin nicht leben können – dazu kommen wir gleich! – , brauchen sie eine Patientenanteil von ca. 20% privat Versicherten. Doch diese Zukunft ist ungewiss, denn wenn Sie die Verlautbarungen der sogenannten Gesundheitspolitiker zur Kenntnis nehmen, hören Sie ständig, dass die privaten Krankenversicherungen abgeschafft werden sollen.

Kurz: Der Königsweg ist nicht mehr so richtig königlich.

Copyright: Inger Kristina Wegener

Das ließe sich wahrscheinlich noch verschmerzen. Aber der negative Clou der ambulanten Medizin ist ein völlig absurder Anachronismus: Das vor Jahren in DDR und Sowjetunion der Ineffizienz überführte Modell der Planwirtschaft wird in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem auf die Spitze getrieben. Anders ausgedrückt: Für alle ambulanten medizinischen Leistungen darf nur eine definierte Gesamtsumme, das Budget, ausgegeben werden. Also werden Zahl und Bezahlung der Leistungen = Behandlungen dem Plansoll angepasst.

Falls Sie jetzt glauben, dass Sie solche Spezialitäten nicht zu interessieren brauchen, ist Ihnen bis jetzt erfreulicher Weise entgangen, dass sie mindestens zwei Folgen dieses kranken Systems am eigenen Leib erleben, wenn Sie einen Arzt brauchen:

Stellen Sie sich vor: Sie leiden seit zwei Wochen unter Angstzuständen, haben keinen Spaß mehr am Leben, schlafen tun Sie schon lange schlecht und ab und zu kommt Ihnen der Gedanke, Schluss zu machen. Auch wenn es sich scheußlich anfühlt, etwas Besonderes ist das nicht. 20 bis 40 % der in unserer Gesellschaft lebenden Menschen haben solche Phasen mindestens einmal in ihrem Leben. Die Medizin, in diesem konkreten Fall die Psychiatrie, könnte solche Zustände gut behandeln. Wenn es dafür denn genügend Geld gäbe. Die gesamte ambulante Medizin arbeitet mit geringen Ausnahmen im Bereich der gesetzlichen Krankenkassen mit dem sogenannten Quartalsbudget: eine Summe für alles, was an Diagnostik und Behandlung in drei Monaten gemacht wird. Sieht man davon ab, dass, wie erwähnt, fixe Budgets in kapitalistischen Systemen, in denen es um Angebot und Nachfrage gehen sollte, völlig anachronistisch sind, könnte man mit einem vernünftigen Budget vielleicht noch etwas machen.

Aber was bekommt ein Arzt nun für die Betreuung eines Patienten im Quartal? Hier erlebt die Kuriosität einen weiteren Höhepunkt, denn das System ist vollkommen intransparent! Selbst die Ärzte, die in diesem System Ihren Lebensunterhalt verdienen, kennen die genauen Zahlen nicht, können zum Beispiel nicht vergleichen, was ein Kollege in Niedersachsen und einer in Schleswig-Holstein verdient, geschweige denn, wie sich ein Psychiater im Vergleich zum Kardiologen steht! Das Wenige, was man kennt ist, vorsichtig gesagt, erstaunlich: So sollen die Psychiater in Schleswig-Holstein zur Zeit im Quartal, das heißt in 3 Monaten, für die Betreuung eines Patienten 25€ bekommen (5).

Copyright: Inger Kristina Wegener

War Psychiatrie nicht mal das, was man „sprechende Medizin“ nannte? Der oben beschriebene depressive Patient, der unter seinen Angstzuständen sehr leidet – haben Sie schon mal Angstzustände gehabt? – und der ja vielleicht auch selbstmordgefährdet sein könnte, wäre ja mit einem oder zwei Terminen im Quartal überhaupt nicht sinnvoll zu behandeln! Er sollte in den ersten drei bis vier Wochen besser wöchentlich kommen, dann einmal alle zwei bis drei Wochen und schließlich einmal im Monat. So kommen ohne weiteres fünf oder mehr Termine zu Stande.

Fünf Termine für 25 €, wenn der erste Termin ungünstig, das heißt am Beginn des Quartals liegt. Wenn sich die Behandlung über zwei Quartale erstreckt, sind es 50 € – vor Steuern. Und jetzt kommt das ganz persönliche Ethos des jeweiligen Arztes ins Spiel: Fragen Sie sich doch selbst, wie lange Sie – in Minuten und Stunden – nach mehr als 15 Jahren Ausbildung und vielleicht 10 Jahren Berufserfahrung für 5 € vor Steuern arbeiten wollen. Traurig? Ziemlich traurig.

Nur noch ein Beispiel: Bei den Dermatologen, die – bei allem Respekt – weniger reden und schneller hinschauen müssen, liegt der Quartalsbetrag in Hamburg bei 14 €. Vor 25 Jahren lag er bei 80 DM. Sie kommen ins Grübeln? Nicht nur Sie. Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum Sie als Kassenpatient so lange warten müssen, bis Sie einen Termin bekommen. Wenn ein Psychiater zu viele 5€-Patienten pro Quartal behandelt, kann er wirtschaftlich nicht überleben. Das können Sie sich ja ohne Weiteres selbst ausrechnen. Warten zu müssen, ist bei dem geschilderten Patienten mit Angstzuständen und Selbstmordgefährdung natürlich medizinisch völlig widersinnig.

Aber da gibt es ja noch Privatpatienten. Die bekommen ihren Termin offensichtlich schneller. Das erscheint Ihnen nicht fair? Ist es auch nicht fair. Aber schauen Sie sich die Zahlen selbst an: Wenn der geschilderte depressive Patient privat versichert wäre, bekäme sein Psychiater für den ersten Termin zwischen 30 und und 50, bei komplizierten Fällen sogar 100 Euro, sofern der Termin länger als 20 Minuten dauert, für die Folgetermine zwischen 33 und 50, je nachdem, wie kompliziert die Behandlungssituation ist. Das muss natürlich auch noch versteuert werden, aber jetzt kommen wir in einen Bereich, in dem sich die Arbeit zu lohnen beginnt.

Auf die Spitze getrieben, könnte ein Arzt um so mehr Kassenpatienten behandeln, je mehr Private er behandelt. Macht man sich das klar, so wird offensichtlich, dass die Forderung der Politiker nach Abschaffung dieses Zwei-Klassen-Systems die pure Heuchelei ist, denn wenn niedergelassene Ärzte keine Privatpatienten mehr behandeln könnten, müssten die meisten von ihnen ziemlich schnell Insolvenz anmelden.

Nur dass es einmal ausgesprochen wurde: Für das geschilderte Fiasko sind direkt zuständig die Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung. Wenn Sie bei einer der beiden Stellen anrufen, um sich z.B. über die Wartezeiten zu beschweren, werden Sie hören, dass das alles im Ermessen der niedergelassenen Ärzte liegt. Klar, die verwalten den Mangel. Aber machen wir uns nichts vor: der Zustand des Systems liegt in der Verantwortung der parteiübergreifenden Politik, die das Geld anders ausgeben will.

Interessanter Weise werden in öffentlichen Diskussionen das ambulante und das stationäre System penibel auseinander gehalten. Aber – fließen nicht Ihre Kassenbeiträge in beide Systeme? Und hat es wirklich nichts miteinander zu tun, dass in dem einen System stattliche Gewinne eingefahren werden, während im anderen infolge der kollabierenden Budgets keine akzeptable Behandlung mehr möglich ist? Wenn Sie Pech haben, werden Sie Opfer beider Systeme: Nach einer Operation werden Sie schon nach wenigen Tagen entlassen, – „blutig entlassen“ heißt das im Jargon der Assistenzärzte. Manchmal in eine Reha, oft nach Hause. Sollten Sie dann einen ambulanten Kollegen suchen, der Sie weiter versorgen könnte, zum Beispiel ein Rezept für Verbandsmaterial oder Medikamente ausschreibt, dann werden Sie sich wundern, vor allem, wenn sich das Quartal gerade seinem Ende nähert.

Der Mensch hält viel aus. Ihr Glück, Herr Gröhe, Herr Lauterbach, Herr Rösler!

Warum schreibe ich das?

Copyright: Inger Kristina Wegener

Will ich Panik hervorrufen? Will ich Ihnen Angst machen, wenn Sie mal in die Situation kommen, sich behandeln lassen zu müssen, ambulant oder stationär? Natürlich nicht! Diese Geschichte ist nicht neu. Alles, was ich geschrieben habe, konnten Sie in den letzten Jahren mehrfach irgendwo lesen. Aber Sie haben es nicht wahrnehmen wollen. Sie waren ja gerade nicht krank. Und was Ihrer alten Mutter passiert ist, als sie kurz vor ihrem Tod notfallmäßig in die Klinik musste, das war sicher ein blöder Einzelfall. Leider war es das wahrscheinlich nicht.

Ich mache mir wenig Illusionen über die Wirksamkeit eines solchen Blogs. Aber eine winzige Chance gibt es vielleicht doch. Denn diese gruselige Geschichte von der heutigen Medizin muss sich ändern! Was heute in der Medizin passiert, ist dem, was Medizin sein sollte, was sie sein könnte, völlig entgegengesetzt. Und diese Botschaft kann man gar nicht oft genug in die Welt posaunen.

Auch wenn Sie es vielleicht für etwas weit her geholt halten, Medizin ist die Disziplin, die sich mit der Besonderheit, der Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen auseinandersetzen muss, oder sie verliert ihre Grundlage. Heute sind wir kurz davor.

  • Heute werden an vielen Stellen Patienten schlechter behandelt, als es möglich wäre, weniger auf der technisch-operativen als auf der kommunikativ-zwischenmenschlichen Ebene. Kein Wunder, dass Gesundheitspolitiker und Klinikchefs von Robotern und Digitalisierung fantasieren. „Die digitale Gesundheitsakte ist Merkels nächster Schritt.“(6) Hat jemand der Bundeskanzlerin erzählt, dass digitale Systeme bei aller Fortschrittlichkeit das Gespräch zwischen Mensch und Mensch nicht ersetzen können?
  • Heute ist die Mehrzahl der hoch qualifizierten und auch irgendwann mal hoch motivierten Ärzte frustriert und verärgert, wenn sie nicht gleich eine Burnout-Symptomatik entwickeln. (Burnout bei Ärzten können Sie googeln.) Denn das ist der Grundmechanismus des Burnout, hoch motivierte Menschen immer weiter unter Druck zu setzen, bis sie nicht mehr können. Persönliche Berichte aus den Op´s der großen Klinika, wo fast rund um die Uhr operiert wird, weil es den Gewinn steigert, haben immer auch die katastrophalen Umgangsformen und die schlechte Stimmung zum Thema.
  • Heute sind viele Mediziner auf dem Weg in den Zynismus, arbeiten nur noch nach Vorschrift, weil sie die menschliche Not ihrer Patienten nicht mehr an sich herankommen lassen wollen und können. Andere versuchen die Quadratur des Kreises, „trotzdem“ gute Medizin zu machen, was ihnen, da sie gut sind, oft genug noch gelingt. Aber Spaß macht das niemandem mehr.
  • Heute fühlen sich die niedergelassenen Kollegen, die eigentlich die Grundstruktur unseres Gesundheitswesens sichern sollen, auf verlorenem Posten.

Wollen wir das? Wollen Sie das? Wir sind doch so ein wohlhabendes Land!

Deshalb geht es in den nächsten Blogs ums Geld.

Hier gelangen Sie zur Übersicht aller bisher veröffentlichten Kapitel.

Quellen:

  1. tagesschau.de vom 8.10.2017 05:01: Hungern für bessere Arbeitsbedingungen
  2. Der letzte Schnitt: Bericht über den Leiter des Münchner Herzzentrums Rüdiger Lange. Bericht von Felix Hütten. SZ.de vom 29.9.2017
  3. ZEIT Magazin Mann, Frühjahr – Sommer 2017, S 86: EIN GLÜCK! Der Herzchirurg Ingo Kazmarek fängt noch mal von vorn an.
  4. Zahlen aus gehalt.de
  5. Das ist hinter vorgehaltener Hand erzählt worden, schon einige Monate alt. Mag sein, dass diese Zahl um einige Euro nach oben oder unten zu korrigieren ist.
  6. Ärztezeitung online, 11. 7. 2017